113. Etappe: 13. August 2013

Küstrin-Kietz – Frankfurt/Oder  34,1 km

Pünktlich um 7 Uhr steht mein Frühstück bereit. Der Blick nach draußen verheißt nichts Gutes, es regnet leicht. Schon in der Nacht hatte es einige Schauer gegeben und ich bin froh das Zimmer bekommen zu haben. Die Alternative Zelt für heute Nacht wäre ziemlich deutlich ins Wasser gefallen und heute Morgen hätte ich ein total nasses Zelt im Rucksack verstauen müssen. Bei meinem Start kurz vor 8 Uhr ist es dann trocken, wenn auch stark bewölkt. Ich verabschiede mich von der sehr netten Zimmerwirtin. Dabei erzählt sie mir noch, dass sie im nächsten Jahr die Vermietung komplett einstellen wird und das Haus verkauft. Danach zieht sie in eine Wohnung des betreuten Wohnens. Als ich die Straße betrete, steht die junge Frau des netten Paares vom zweiten Zimmer auf dem Balkon und wünscht mir eine gute Reise.

Ich laufe den von der Zimmerwirtin empfohlenen Weg über die Felder. Schon nach wenigen Metern beginnt es zu tröpfeln und der Himmel sieht nach weiterem Regen aus. Zur Sicherheit ziehe ich doch den Poncho an. Noch ohne Sonne ist es ziemlich kühl und der Poncho schützt etwas vor dem kalten Wind. Dieser Weg stößt schließlich wieder auf den Deich und den Oder-Neiße-Radweg. Ich laufe hinter dem Deich auf der asphaltierten Deichstraße.

Irgendwann führt ein Weg wieder hoch auf den Deich. Die Oder ist nur etwa 20 Meter entfernt. Mich trennt nur Schilf vom Fluss. Viele noch sehr kleine Schnecken (Länge <= 10 mm) überqueren den Weg. Doch bei einem Gedenkstein „Deichbruchstelle 21./22.03.1947“ endet der wieder asphaltierte Weg auf dem Deich.

Langsam kommt die Sonne zwischen Wolken hindurch. Ich nutze es und schlüpfe aus dem Poncho und legen ihn zwischen Rucksack und Kopf. Ein paar Mal bleibe ich stehen und lasse mich von den warmen Strahlen verwöhnen. Nach einer Zeit ohne nennenswerte Aussichten geht es wieder hoch. Nun ist die Oder ein Stück entfernt und schon beginnt wieder eine Bilderbuchlandschaft. Fette saftig grüne Wiesen, kleine Tümpel oder schmale Seitenarme der Oder umgeben von Schilf und knorrigen Weiden prägen wieder diese Landschaft. Zwischen drin durch Hochwasser angeschwemmte Baumstämme oder Äste. Manchmal haben sie sich an Bäumen oder Büschen verheddert.

Vor mir wird gerade eine Herde Schafe auf die Wiese getrieben. Anschließend fährt ein Fahrzeug mit Hänger auf den Deich und parkt dort am Rand. Ein junger Hund tobt verspielt herum. Als ich das Fahrzeug erreiche, steigt ein älterer Mann aus. Es ist der Schäfer dieser Herde.

Wir sind schnell im Gespräch. Er ist nicht nur der Schäfer, sondern ihm gehören die Schafe. Außerdem grasen sie jetzt auf seinem Land. Er zeigt mir mit ausladender Bewegung eine riesige Fläche, die er sein Eigen nennt. Vor ein paar Jahren hatte er noch weit über tausend Schafe, jetzt sind es nur noch um die Zweihundert. Schafe erreichen in der Regel ein Alter um die zwölf Jahre, erklärt er mir.

Früher hatte er auch mehrere Ziegen, jetzt ist nur noch ein Ziegenbock in der Schafsherde. Von seinen ehemals sechs Pferden sind heute noch zwei übrig geblieben. Bei dem jungen Hund handelt es sich um einen vier Monate alten altdeutschen Schäferhund. Dieser hat mich während der Unterhaltung auch als Spielkamerad ausgemacht. Springt an mir hoch oder beißt mit seinen spitzen Zähnen in meine Hand. So einen Hund als Weggefährten könnte ich mir gut vorstellen.

Der Mann ist 73 Jahre alt und will in absehbarer Zeit die Schafszucht ganz aufgeben. Obwohl es ihm gut geht und er auch ein gutes Einkommen hat, will sein Sohn die Schafszucht nicht übernehmen. Er hat studiert und kein Interesse an Landwirtschaft. Ich habe das Gefühl, dem Schäfer geht diese Ablehnung sehr nahe. Auch er liebt diese Oderlandschaft und genießt, wie er mir erzählt, hier immer wieder mit seiner Herde unterwegs zu sein.

Ich nähere mich einer Anglerin und mache dort auf einer Bank meine erste Pause. Wieder genieße ich die absolute Ruhe und die Schönheit der Landschaft. Noch während meiner Pause ziehen dicke graue Wolken heran und verstärken so wundervoll als Hintergrund die Farben der Bäume und Büsche.

Weiter geht es und mit der Zeit öffnet sich die Landschaft auf der anderen Seite des Deiches. Riesige bewirtschaftete Felder, zum größten Teil bereits abgeerntete Getreidefelder, prägen das Bild. Im Hintergrund der von der Oder abgekehrten Seite begleitet mich schon länger ein nicht sehr hoher Gebirgszug. Schließlich erreiche ich den Ort Lebus und mache im Anglerheim eine längere Pause.

Ein Stück durch den Ort und dann sehe ich einen schmalen Pfad an der Oder im angrenzenden Wald verschwinden. Doch der Wegweiser zeigt weg von diesem Pfad und weiter in den Ort hinein. Mein Navi zeigt aber zu dem schmalen Pfad und so bleibe ich an der Oder. Weiter geht es durch den Wald und dann trete ich heraus auf eine Wiese. Hier ist der Weg erst vor Kurzem gemäht worden. Nach einer Biegung steht plötzlich einige Meter vor mir, ein Fuchs. Er ist genauso überrascht wie ich. Wir schauen uns kurz an und dann flüchtet er ins seitliche Dickicht.

Wieder verdunkeln einige Wolken den Himmel und liefern so eine malerische Flusslandschaft. Mein Weg führt weiter durch Wiesen und später dann auf einen Wirtschaftsweg. Mein Navi signalisiert mir jedoch eine immer größere Abweichung. Trotzdem laufe ich weiter, in der Hoffnung auf eine folgende Annäherung zu meiner Route. Eine Wegalternative ist nicht vorhanden. Schließlich endet dieser Weg vor einem verschlossenen Tor eines Privatgrundstücks. Also wieder zurück und schließlich sehe ich etwas versteckt hinter Büschen und Bäumen eine kleine Brücke. Beim Betreten der Bücke und dem anschließend kaum erkennbaren Pfad durch eine Wiese bin ich wieder auf dem richtigen Weg.

Nun nähere ich mich einem Seitenarm der Oder und sehe auch in der Ferne die ersten Hochhäuser der Stadt Frankfurt/Oder. Vor mir ein scheinbar geschlossenes Schilffeld. Doch beim Näherkommen erkenne ich einen schmalen Durchgang. Wenig später nähere ich mich einer matschigen Senke und wieder versteckt durch umwucherndes Schilf ein schmaler trockener Übergang. Der Weg, in unmittelbarer Nähe zur Oder, zieht sich und ich hoffe, er wird mir nicht noch durch Hindernisse versperrt. Schließlich erreiche ich den Anfang oder das Ende eines Deiches und steige zum befestigten Deichweg hoch. Längere Zeit verbringe ich nun auf dem Deich, laufe an Gassigeher vorbei und durchquere schließlich einen verlassenen Industriebereich mit leer stehenden oder verfallenen Gebäuden. Der Weg mündet schließlich am Ufer der Oder in Frankfurt. Hier empfängt mich ein dunkelgrauer Himmel und lässt die farbigen Häuser auf der polnischen Seite noch prächtiger erscheinen. Die ersten Blitze erhellen kurzfristig den dunklen Himmel. Nur wenige Menschen sind noch unterwegs. Ein Angler verharrt unverdrossen am Ufer. Ich mache noch mehrere Fotos und eile dann am Ufer in Richtung zu meiner heutigen Unterkunft. Mein Navi leitet mich schließlich am prächtigen Rathaus vorbei zur Marienkirche. Ich umlaufe die Kirche, hier wurden die Glasfenster von den Russen (Kriegsbeute) zurückgegeben. Doch Einlass finde ich nicht, alle Türen sind verriegelt.

Das Dunkelgrau am Himmel ist zumindest über Frankfurt schnell verschwunden und nach einer langen Kopfstein gepflasterten Straße erreiche ich schließlich das Hotel. Auf den letzten Metern merke ich sehr deutlich meine brennenden Füße und die sehr lange Etappe.

Im Hotel angekommen, nehme ich mir nach dem Duschen eine kurze Auszeit. Als ich zunächst mir die eingegangenen Mails anschaue, erschrecke ich durch eine Nachricht meines Webspacebetreibers. Mein Webspace soll möglicherweise gehackt worden sein. Irgendjemand soll sich Zugang verschafft haben. Daher wurde der Zugang zunächst gesperrt. Panik macht sich bei mir breit. Der Provider empfiehlt die Festplatte nach Viren und Trojaner, aber auch nach Bots zu überprüfen. Also beginne ich mit den entsprechenden Prüfungen, lade vom Internet das empfohlene Programm für die Bots runter und prüfe nochmals. Die letzte Überprüfung dauerte bis weit nach Mitternacht, doch auf meinem Rechner wird nichts gefunden. Erschöpft vom langen Weg und der Katastrophennachricht schlafe ich schließlich ein. Der Wecker ist für morgen auf 4:30 Uhr eingestellt.  

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