154. Etappe: 26. September 2013

Eck – Großer Arber
Distanz: 16,4 km; Aufstiege: 1100 m; Abstiege: 574 m

Als ich den Gasthof verlasse, nieselt es bereits. Der Aufstieg fängt gut an. Schnell bin ich auf einem schmalen Waldpfad steil nach oben unterwegs. Der Weg ist zwar auch voller Steinen und Wurzeln, doch es läuft sich weniger kräftezehrend als gestern. Trotzdem muss ich auch hier öfters eine Verschnaufpause einlegen.

Bei einem Schlachtfeld voller umgestürzter und zum Teil zersägter Bäume suche ich das erste Mal das Goldsteig-Wegezeichen. Auf meinem Weg komme ich oft an Totholz oder an abgestorbenen Fichten, deren kahlen Stämme immer noch stehen, vorbei. Auch sehe ich viele Vogelbeerbüsche, junge Birken und jungen nachwachsende Fichten. Der leichte Nieselregen hält sich weiterhin. Trotz des wenigen Baumbestandes ist die Fernsicht durch Nebelschleier getrübt.

Immer wieder sind kleine Klettereinlagen über Felsen und Steine notwendig. An manchen Stellen wünschte ich mir mehr Wegezeichen, wie es sie auf den leichteren Etappen zuvor gab. Öfters mal kommt leichte Unsicherheit auf, bin ich noch richtig unterwegs. Dann ein Fels vor mir und ich weiß für einen Moment nicht, wie ich da mit meinem Rucksack rüber kommen soll. Etwas seitlich ein kleiner Vorsprung, ausreichend für die Schuhspitze und in Griffnähe eine feste Wurzel. Ich setze die linke Fußspitze darauf und ziehe mich an der Wurzel hoch. Dann kann ich hochdrücken. Ich habe es mit dem Rucksack und den Stöcken geschafft. Bei solchen Momenten ist der Rucksack ein echtes Problem. Ich sehe kein Zeichen mehr und weiß nicht, ob ich noch richtig bin. Doch wieder zurück geht nicht. Wenig später befinde ich mich auf einem schmalen Pfad an einem Steilhang. Weit über mir ein metallenes Kreuz. Der feuchte Untergrund ist unangenehm zu laufend und meine Anspannung groß. Ein Ausrutschen auf den glitschigen Wurzeln wären nicht gut. Dann ein etwa 80 Zentimeter tiefe Stufe und in der Trittstelle Matsch. Ein Abstützen mit den Stöcken ist hier nicht möglich. Ich muss einfach diese Stufe nehmen und hoffen, nicht bei Auftreffen auszurutschen. Ich rutsche nicht, versinke aber mehrere Zentimeter im Schlamm. Danach noch einen steinigen Pfad weiter aufwärts und schließlich komme ich erleichtert unmittelbar unterhalb des Kreuzes an. Hier stelle ich fest, mein Weg am Steilhang war nicht der offizielle Goldsteigweg, denn der kommt seitlich vor mir rechts vor dem Kreuz. Lag es an einer schlechten Beschilderung oder einfach nur an meiner Unachtsamkeit bei dieser Extraeinlage. Doch so viel steht fest, ich bin nicht der Erste auf diesem Weg gewesen.

Nach vielem Auf und Ab über Steine, Felsen und auch vielen kahlen Flächen, erreiche ich ein Plateau mit jungen Nadelhölzern und Vogelbeerbüschen und inmitten eines Meers aus Heidelbeersträuchern und hellgelbem Gras. Viele Blätter der Heidelbeersträucher sind bereits herbstlich rot gefärbt und voller Heidelbeeren. Ich nasche ausgiebig und an meinen Finger sind die Spuren deutlich sichtbar. Ein junges Paar ohne Gepäck hetzt an mir vorbei und hat kein Auge für diese atemberaubend schöne Landschaft. Auch verschwenden sie keinen Moment für die vielen Heidelbeeren. Sie wollen nicht oben auf dem Großen Arber übernachten, sondern gleich wieder runter, wie sie mir kurz zurufen.

Wieder geht es einem kahlen Berg entgegen und auf dem Plateau ist der Pfad mit Holzbohlen ausgelegt. Seitlich schimmert zwischen den Gräsern Wasser durch. Ich durchschreite ein Hochmoorgebiet. Wieder fesselt mich diese Landschaft aus einem Farbenmeer von Grün-, Gelb- und Brauntönen, durchsetzt mit weißen Farbtupfern des Wollgrases.

Schließlich erreiche ich den Kleinen Arber und die dortige Schutzhütte. Einsam auf einer Bank im verlassenen Biergarten lege ich eine Pause ein. Der nun folgende Weg zum Großen Arber ist wieder vorbildlich ausgeschildert. Ich habe den Eindruck, dort wo es anstrengend wird, lässt die Beschilderung etwas nach.

Der weitere Aufstieg mündet auf einem breiten Fahrweg. Dieser schlängelt sich ordentlich ansteigend nach oben. Bei einer Kurve verlässt der Goldsteig wieder diesen Fahrweg. Doch ich bin froh nun unbeschwert laufen zu können und nehme den vielleicht etwas längeren Fahrweg nach oben in Kauf. Nur aus Gewohnheit schaue ich nach einiger Zeit auf mein Navi und zoome dabei den Fahrweg näher ran. Jetzt erkenne ich, dieser Weg führt zumindest auf meinem Navi nicht zum Ende der dargestellten Goldsteigetappe. Zweifel nagen an mir, ob ich hier überhaupt das Schutzhaus erreichen werde. Da das Mobilfunknetz wieder mal hier vorhanden ist, rufe ich zur Sicherheit im Schutzhaus an. Ein junger Mann meldet sich. Ich erkläre ihm, dass ich mich etwa einen Kilometer weit von ihm entfernt auf einem Fahrweg nach oben zum Arber befinde. Ob dieser Weg auch zum Arber-Schutzhaus führt. Der junge Mann hat keine Ahnung und erklärt mir lediglich: „Ich kenne diesen Weg und auch den Goldsteig nicht. Ist aber nicht schlimm, wenn sie nicht kommen.“ Ich bin perplex und irritiert, was soll das, wo soll ich denn hier übernachten. In meinem aufkommenden Ärger möchte ich den jungen Mann am liebsten zum Mond schießen. Ich verabschiede mich mit Mühen ruhig von ihm und laufe zurück zur Abzeigung.

Der junge Mann ist, wie ich später erlebe, ein ganz Netter und um seine Gäste bemüht und sehr hilfsbereit.

Wieder an der Abzweigung angekommen, sehe ich beim Studieren der Wegweiser den Hinweis, nur noch 800 Meter bis zum Ziel. Doch diese letzten 800 Meter haben es in sich. Über immer wieder hohen hölzernen Trittstufen klettere ich keuchend nach oben. Die gestrige Etappe ist sofort wieder in meinen Gedanken. Diese hohen Trittstufen sind sehr anstrengend. Jedes Mal wuchte ich mein Körpergewicht, noch mit zu viel Fett und meinen schweren Rucksack nur auf einem Bein nach oben. Das wiederholt sich einige Zeit und ich muss wieder einige Verschnaufpausen einlegen. Schließlich, wenn auch zum Teil in Nebel gehüllt, erkenne ich Antennenanlagen und ein nicht weit davon stehendes Gebäude. Das Gebäude mobilisiert noch einmal meine Reserven. Doch dieses Gebäude ist nicht das Arber-Schutzhaus, wie ich beim Erreichen feststelle. Dieses ist wenig später dann neben der Bergstation der Sesselliftanlage erreicht. Als ich das Schutzhaus betrete, kommt mir ehrlich erfreut der junge Mann entgegen.

Nun im Gespräch mit ihm erfahre ich, dass er immer den Sessellift nutzt. Er darf nicht mit seinem Auto hier hoch. Die Straße führt wahrscheinlich nur zu den Antennenanlagen der Bundeswehr. Von dort wäre ein Durchkommen nach hier nicht möglich.

Nach dem Duschen und dem Abendessen sitze ich in der Gaststube und bearbeite gerade meine Bilder, als mich Werner, ein Leser meines Blogs über das Schutzhaustelefon anruft. Internet und Mobilfunk klappen hier oben momentan nicht. Werner hat mir weitere Informationen über Mail geschickt. Er empfiehlt mir eindringlich die Schachten zu besichtigen. Morgen nur eine kurze Etappe bis nach Wieslwaldhaus über Schwellhäusl einzuplanen und am folgenden Tag die Schachten dann in Angriff zu nehmen.

Die Schachten sind ähnlich den Almen in den Alpen baumfreie Waldwiesen. Diese Freiflächen wurden als Übernachtungsplätze genutzt. Einzelne Bäume dienten als Schatten spendende Ruheplätze für die Rinder. Heute werden sie nicht mehr genutzt und die einzelnen Bäume sind inzwischen sehr alt. Nur in der Gegend um den Gr. Falkenstein und den Gr. Rachel heißen diese Lichtungen „Schachten“.

Noch in der Gaststube versuche ich Alternativwege auf meiner topografischen Karte am Notebook zu finden. Nicht wirklich einfach, wenn man die örtlichen Gegebenheiten und die richtigen Wegstecken nicht kennt. Lange halte ich nicht durch, dann bin ich müde und gehe auf mein Zimmer.  

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