210. Etappe: 26. November 2013

Herbitzheim – Saarbrücken
Distanz: 26,1 km; Aufstiege: 668 m; Abstiege: 547 m

Als ich das Hotel kurz vor 9 Uhr verlasse, liegt noch überall der Raureif. Es ist empfindlich kalt geworden. Der Himmel ist nur leicht bewölkt. Es verspricht, ein guter Wandertag zu werden. Auf meinem Weg zum Nachbarort Rubenheim umrunde ich einige gefrorene Pfützen und glatte Flächen.

Nach Rubenheim geht es recht ordentlich aufwärts. Meistens ist mir der Blick in die Landschaft durch Büsche versperrt. Dann zwischen den Büschen ein bisschen versteckt, eine Betonplatte, schon vom Zahn der Zeit angeknabbert und mit einem Vers versehen. Ich halte inne und der Vers stimmt mich für einen Moment nachdenklich.

Ein bisschen mehr Friede und weniger Streit.
Ein bisschen Wahrheit immerdar
und vielmehr Hilfe in Gefahr.
Ein bisschen mehr Wir und weniger Ich!
Ein bisschen mehr Kraft nicht so zimperlich.
Und vielmehr Blumen während des Lebens
denn auf den Gräbern blühen sie vergebens.

Weiter geht es aufwärts und auch hier gibt es immer wieder vereiste Stellen auf dem Asphalt. Ich erreiche den höchsten Punkt dieser Anhöhe und stoße dabei auf die „Kleine Tiroler Hütte“. Die Holzläden sind geschlossen. Hütte und der seitlich gelegene Spielplatz warten bereits auf den nächsten Sommer.

Wenig später öffnen sich die Buschreihen und geben mir den Blick auf einen Golfplatz frei. Die kurz geschnittene Rasenfläche schimmert weiß und ist mit Raureif bedeckt. Nach einem kurzem Intermezzo Wald erreiche ich eine vor mir liegende Streuobstwiese. Im Tal ein Ort und unmittelbar dahinter wieder ein Berg, zum Teil bewaldet. Ein Passagierflugzeug fliegt seitlich am Berg vorbei und verschwindet dahinter. Jetzt weiß ich, diesen Berg muss ich auch noch überwinden. Meine Route führt mich unterhalb des Saarbrücker Flughafens entlang.

Ich steige hinab in den Ort. Als ich den unscheinbaren Dorfbäckerladen sehe, steuere ich zielstrebig darauf zu. Ich brauche einen Aufwärmer und so betrete ich den Laden. Zunächst sehe ich zwei wunderschöne und sehr alte mit Schnitzereien versehene Schränke. Im Raum steht ein großer alter Tisch. Nur die modernen Stühle passen nicht dazu. Doch ich bin froh, nicht auf vielleicht einem unbequemen alten Stuhlen Platz nehmen zu müssen.

Hinter der Theke eine junge Frau mit einem Kleinkind im Laufwagen. Nachdem sie mir den Kaffee gebracht hat, kommen wir schnell ins Gespräch und sie blättert mir ein Teil ihres Lebens auf.

Das kleine Mädchen im Laufwagen ist 9 Monate alt und es ist bereits ihr viertes Kind. Mit 17 Jahren bekam sie ihr erstes Kind. Ihr erster Mann war 17 Jahre älter und übernahm die Vaterrolle für dieses erste Kind, obwohl es nicht von ihm war. Es folgten zwei Kinder von ihrem Mann. Mit der Heirat erhoffte sie, dem Kind eine geborgene Familie bieten zu können. Doch es kam ganz anders. Mehr und mehr arbeitete er nur noch sporadisch und fing auch noch zu Trinken an. Er war zudem extrem eifersüchtig und schließlich erfolgte die Trennung durch sie. Nun ist sie in einer neuen Beziehung und das kleine Mädchen ist von ihrem jetzigen Lebensgefährten. Sie hat keinen Berufsabschluss, dazu fehlte einfach die Zeit. Viel zu sehr musste sie sich um den Lebensunterhalt kümmern. Was sie mir erzählt, klingt alles sehr vernünftig und verantwortungsbewusst ihren Kindern gegenüber. Auch macht sie einen zufriedenen und ausgeglichenen Eindruck auf mich.

Immer wieder erlebe ich es, dass mir fremde Menschen Einblick in ihre Vergangenheit oder ihrer Schicksale geben. Ich wirke wohl vertrauenswürdig auf sie und es ist wohl leichter einem Fremden etwas zu offenbaren, als Personen im eigenen Umfeld. Aus einem Kaffee werden zwei, doch dann muss ich weiter.

Am Ende des Ortes führt meine Route bergauf. Die schmale Straße wird durch ein Heizölfahrzeug blockiert. Die Beifahrertür ist auf und dahinter stehen Fahrer und Kunde. Man lässt mich vorbei, doch es folgt interessiert die Frage nach dem Woher und Wohin. Aus der Beantwortung der Frage wird ein Gespräch und der Hausbesitzer, ein junger Mann, bietet mir einen Kaffee bei sich an. Normalerweise würde ich zusagen. Doch ich bin bereits mit zwei Kaffee abgefüllt und habe noch einige Kilometer vor mir. Daher lehne ich dankend ab.

Die kurze Gesprächspause war gut, denn nun folgt ein extrem steiler Anstieg. Nur mit langsamen Schritten komme ich vorwärts und muss unterwegs zweimal zum Verschnaufen anhalten. Der asphaltierte Wirtschaftsweg geht über in einen Wald- bzw. Feldweg. Es folgt der Vorstadtbereich von Saarbrücken und schließlich laufe ich an einer Landstraße mit Radweg weiter in Richtung Innenstadt.

Es folgt eine Unterquerung der Autobahn und schließlich eine kleine Seitenstraße. Hier wechsel ich gedankenlos plötzlich die Fahrbahn und werde dabei fast von einem Radfahrer angefahren. Aus dieser Situation entwickelt sich ein Gespräch und die Frage, ob ich auf dem Jakobsweg unterwegs bin. Vom Radfahrer erfahre ich, dass ich mich momentan auf einem Jakobsweg nach Metz befinde. Auch fragt er mich, ob ich für heute Nacht eine Bleibe habe. Er betreibt eine Pilgerherberge hier in der Nähe. Ich erkläre ihm, dass ich ein Hotelzimmer gebucht habe und mit einer Absage Stornogebühren anfallen. Dann trennen wir uns. Ich überquere mit Wartezeit Bahngleise, laufe auf einem schmalen Pfad Richtung Saar. Mein Radfahrer kommt mir wieder entgegen. Er bietet mir einen Kaffee an und die Möglichkeit Adressen von Pilgerherbergen, auch vom Moselcamino, aufzuschreiben. Ich willige ein und so folge ich ihm zu seiner Herberge. Dort führt er mich in den Aufenthaltsraum und beginnt mit dem Kaffeekochen. Das, was ich von der Herberge sehe, ist schlicht und mit vielen Details versehen. Die Übernachtung wird für einen sehr fairen Preis angeboten. Zum Kaffee bekomme ich noch Kuchen und wir unterhalten uns eine Weile. Dann muss ich wieder los. Die in unmittelbarer Nähe befindliche Kirche muss ich unbedingt besichtigen, rät er mir. Der Seiteneingang ist offen und ich schau auch rein. Leider ist es dort viel zu dunkel, um noch etwas richtig zu erkennen, geschweige denn zu fotografieren.

Es geht unter der Autobahn hindurch und dann bin ich wieder auf dem Saar-Radweg. Jetzt heißt es, einen Zahn zuzulegen. Im Zentrumsbereich angekommen, der Höllenlärm der Autobahn begleitete mich die ganze Zeit, nehme ich aus einem Bauchgefühl heraus früher als geplant die richtige Brücke, um über den tosenden Verkehr zu gelangen. Es ist inzwischen dunkel geworden, die Straßenbeleuchtung weist mir den Weg. Das kleine Hotel neben der Saarbrücker Zeitung erreiche ich danach recht bald. 

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