21. Etappe: 20. April 2013

Gustorf – Neuss  22,3 km

Vom Hotel aus bin ich schnell aus Gustorf und wieder im Wald. Eine kleine Brücke führt mich über die Erft, an der ich gestern länger entlang gelaufen bin. Einige Zeit später unterquere ich die Autobahn und erreiche auch wenig später Grevenbroich. Wie so oft dauert es lange, bis ich wieder den Ort verlasse. Es folgen lange gerade Wirtschaftswege am Wald entlang und durch Felder. Mehrfach streife ich kleine Dörfer. Dann erreiche ich wieder die Erft mit der Eppinghover Mühle. Ab hier folge ich der Erft bis nach Weckhoven und bleibe auch danach in ihrer Nähe oder laufe neben ihr entlang.

Noch kurz vor der Unterführung der Autobahn ist auf der Erft eine Kanustrecke angelegt. Die ersten Kanuten lassen gerade ihre Boote ins Wasser. Noch nicht so interessant, um anzuhalten und zu fotografieren. Doch schon kurz nach der Unterführung erreiche ich eine kleine Stromschnelle der Erft. Hier üben bereits zwei Kanuten und ich beobachte einige Zeit ihr Treiben. Zu mir gesellen sich auch ein paar Spaziergänger.

Bei der Stromschnelle verlasse ich die Erft und laufe in Richtung Neuss und dann etwa einen Kilometer am Stadtrand von Neuss entlang. Nachdem ich dann nach Neuss einbiege, ist recht schnell das Commundo Tagungshotel erreicht.

Um 19:00 Uhr habe ich mich mit meinen ehemaligen Kollegen Hans-Jürgen verabredet. Als er mir entgegen kommt, erkenne ich ihn nicht sofort. Ich hatte ihn deutlich kräftiger in Erinnerung. Sein Gewichtsverlust kommt durch seine überwunden schwere Krankheit. Wir haben uns viel zu erzählen und er berichtet mir auch ausführlich über seinen schweren Schicksalsschlag. Was ihm widerfahren ist, tritt nur bei 1 von mehreren Millionen Menschen auf.

Hans-Jürgen hatte sich eine Grippeschutzimpfung geben lassen. Zu Hause später ging es ihm nicht gut. Er war erschöpft und verschlief einen ganzen Tag, bevor er wieder wach wurde. Danach fühlte er sich schlapp und dachte zunächst, dass es vom Hunger kommt. Seine Schwester besucht ihn und ihr fällt das rote Auge auf. Sie bringt ihn zum Augenarzt. Dieser diagnostizierte ein Gerstenkorn und verschreibt ihm Tropfen. Diese Tropfen nahm er dann auch brav. Sein Zustand verschlechterte Zusehens, er ist so schwach, dass er nicht mehr laufen kann. Seine Schwester ruft den Notarzt und er wird ins Krankenhaus gebracht. Hier muss er mehrfach reanimiert werden. Zunächst denkt man an einen Schlaganfall. Glücklicherweise wird bei den Untersuchungen auch ein Augenarzt hinzugezogen. Dieser veranlasst einen Hubschraubertransport zur Aachener Uniklinik. Seine Schwester wird angerufen und ihr wird empfohlen noch vor dem Abflug zu kommen. Hans-Jürgen könnte den Transport nicht überleben.

In der Uniklinik wird die richtige Diagnose gestellt: Nekrotisierende Fasziitis (= Infektionskrankheit der Haut und Unterhaut durch Streptokokken-Bakterien). Nach eigenen Worten von Hans-Jürgen waren sein Auge und der Bereich darum „verwest“. Man entfernte das Auge und alles bis auf den Knochen. Er verbrachte über ein halbes Jahr mit etlichen Operationen, da zunächst die Krankheit nicht zu stoppen war. Er war infolge des langen Aufenthaltes so geschwächt, dass er nicht mehr allein stehen und gehen konnte. Es folgte eine lange Rehazeit. Zu Hause war er dann den Blicken und dem Tuscheln der Menschen ausgesetzt. Später erhielt er mehrere plastische Operationen. Inzwischen hat er seine Krankheit und Krise gut gemeistert. Jetzt kann er darüber sprechen und sich frei in der Öffentlichkeit bewegen. „Er könnte darüber ein Buch schreiben“, erklärt er mir.

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