100. Etappe: 30. Juli 2013

Zinnowitz – Damerow  11 km

Früh bin ich wieder auf und mein erster Weg führt zu den Kleidungsstücken. So wie ich es vermutet hatte, alles ist noch feucht. Danach scheitert auch der Versuch ins Internet zu kommen, ob mit Smartphone oder Notebook. Nach dem Wetterbericht im TV muss ich nochmals mit Regen rechnen. Meine Blase unter dem großen Zeh macht sich noch bemerkbar und die wunden Stellen an den Fersen spüre ich auch. Heute wird es eine kurze Etappe. Die Suche nach einer Unterkunft verschiebe ich für unterwegs.

Nur die nassen Strümpfe habe ich durch Ersatzstrümpfe gewechselt, alles andere ziehe ich wieder an. Der Start beginnt bei leicht bewölktem Himmel. Die Sonne kommt nur hin und wieder durch. Trotz Blase und wunden Stellen läuft es sich recht gut. Die klamme Kleidung ist auch zu ertragen. Dann erreiche ich das Zentrum des Seebads und die Menge Mensch dort erschreckt mich. Auf der Strandpromenade komme ich an renovierten noblen Villen und Hotels vorbei. Bei einem Zugangspfad zum Strand unternehme ich einen kurzen Abstecher dort hin. Feiner sauberer Sand, aber überall Strandkörbe und viele davon sind bereits belegt.

Ich bin froh dem noblen Seebad zu enteilen und wieder im Wald allein zu sein. Leider ist das nur von kurzer Dauer. Mein Weg führt wieder vorbei an einem Campingplatz. Hier stehen sogar die Wohnwagen und Wohnmobile am Wegesrand. Dann geht es raus aus dem Wald und rauf auf den Deich. Inzwischen scheint wieder die Sonne und auf dem Deichweg ist Hochbetrieb. Endlose Fahrradkolonnen sind unterwegs. Ich bin hier eindeutig ein Verkehrshindernis.

Am Ortsrand von Koserow auf einer schattigen Bank versuche ich es wieder mit der Unterkunftssuche. Nach einigen Versuchen finde ich auch ein Zimmer. Ich muss nur ein kurzes Stück zurück und dann sehe ich auch schon ein Hinweisschild zum angegliederten Restaurant. Weiter geht es durch den Wald und dann stehe ich vor einem großen reetgedeckten Hotel. 

99. Etappe: 29. Juli 2013

Lubmin – Zinnowitz  25,8 km

Heute frühstücke ich bereits um 6 Uhr. Danach stelle ich meine heutige Route neu zusammen. Die letzten beiden Berichte mit den Bildern kann ich wieder nur mit erschreckend lahmer Geschwindigkeit hochladen. Nach den Wettermeldungen sind auch für heute Abend weitere Regenschauer angesagt. Als heutiges Etappenziel habe ich Zinnowitz auf der Insel Usedom festgelegt. Dann suche ich im lahmen Internet nach Unterkunftsmöglichkeiten in Pensionen oder Hotels. Beim ersten Versuch über eine Zimmervermittlung ein Zimmer zu finden, geht gehörig daneben. Es gibt momentan keine freien Zimmer mehr, ich soll es noch über die Kurverwaltung versuchen. Nach mehreren Anläufen erreiche ich die Kurverwaltung und dort ist genau noch ein freies Zimmer registriert. Die Buchung im Hotel klappt ebenfalls problemlos. Inzwischen regnet es leicht.

Ich starte wieder sehr spät, aber auch das Warten hat nichts gebracht, es regnet immer noch. Zunächst habe ich nur die Regenhaube über den Rucksack und eine Jacke an. Der Ort ist schnell durchschritten und im Wald, auf dem Weg zu meiner gestern ausgearbeiteten Route, tausche ich dann doch Jacke gegen Poncho aus. Angekommen bei der Landstraße hat es sich richtig eingeregnet. Auf dem Radweg begegnen mir nur wenige Radler. Bei den mir entgegen kommenden Personen schaue ich nur in gequälte Gesichter. Sie haben sich ihren Urlaub wohl auch anders vorgestellt.

Bei Erreichen eines Industriegebiets, hier muss auch das stillgelegte Kernkraftwerk Greifswald sein, hört der asphaltierte Radweg auf. Jetzt beginnt ein unbefestigter breiter Randstreifen. Ständig versperren mir große Wasserlachen den Weg und ich bewege mich wie im Slalom daran vorbei. Auch auf der Straße haben sich durch den kräftigen Regen große Wasserflächen gebildet. Immer wieder werde ich von den ach so rücksichtvoll rasenden Autofahrern geduscht. Nur bei einigen extremen Duschen verliere ich dann doch wieder meine Gelassenheit und brülle hinterher. Genau wissend, es bringt nichts, doch ich muss einfach Dampf ablassen. Der Industriekomplex ist für mich als Wanderer riesig und nicht enden wollend. Dann doch an dessen Ende habe ich wieder einen ordentlichen Radweg bis kurz vor Spandowerhagen. Hier endet er abrupt und auch die Straße wechselt in einen, zum Teil beschädigen, Betonbelag. Auf dem Randstreifen neben der Straße könnte ich durchaus laufen, wenn sich dort nicht ein kleiner Bach gebildet hätte. Auch auf dieser schmalen Straße duschen mich wieder einige Autofahrer.

Der kleine Ort ist schnell durchquert und nach etwa zweihundert Metern gibt es wieder einen Radweg. Die Straße ist hier erneuert worden. Jetzt gibt es keine Wasserlachen mehr und die rasenden Autofahrer lassen mich in Ruhe. Der Regen prasselt unaufhörlich auf mich ein. Es regnet Bindfäden. Vom Schirm meiner zerknitterten Ponchokappe tropft es unaufhörlich vor meinem Gesicht, die Kunststoffärmel liegen kalt und unangenehm wirkend auf meinen freien Unterarmen. Der untere Teil meiner Hose ist klatschnass und ich hoffe, dass nicht auch noch meine Strümpfe und Schuhe in Mitleidenschaft gezogen werden. Dann erreiche ich endlich Freest. Unter einem Bushaltestellenhäuschen steht ein Radlerpaar, das mich unterwegs überholt hat. Die Frau ruft mir mit erhobenen Daumen zu: „Sie haben aber ein ordentliches Tempo drauf.“ Ohne Regen hätte ich mich gerne unterhalten, jetzt aber steht mir nicht der Sinn nach Kommunikation und so winke ich nur und laufe weiter.

Weiter im Ort kommt mir eine Pfadfindergruppe entgegen. Die Jungen, 14 Jahre alt, machen keinen glücklichen Eindruck, das Wetter ist ihnen wohl aufs Gemüt geschlagen. Ein paar Worte wechseln wir und dann gehe ich in Richtung Fähre weiter. Der kleine Fischerhafen ist schnell erreicht, etliche Fischkutter haben nach dem Fang wieder festgemacht und die Fischer sind beim Säubern der Decks. Ich muss den Hafen komplett umrunden, um an den Anlegeplatz der Personen- und Radfähre zu gelangen. Pech gehabt! Ich habe die Fähre um zehn Minuten verpasst, sie fährt nur jede Stunde und so kehre ich im nahe gelegenen Hafenrestaurant ein.

Rechtzeitig vor Ankunft sitze ich im Poncho auf einer Bank vor der Anlegestelle und pünktlich legt die Fähre an. Mit mir geht eine Mutter mit ihren beiden Töchtern, die Räder schiebend, aufs Deck. Wir sind bei dieser Fahrt die einzigen Passagiere. Die Fahrt dauert nur ca. 15 Minuten. Am Hafen von Peenemünde liegt ein altes russisches U-Boot. Alles hier wirkt grau und Triste. Vorbei geht es an einem renovierungsbedürftigen Plattenbau und weiteren alten Gebäuden. Dann nach dem einzigen renovierten Gebäude mit Pension biege ich zum Deich zur Festlandsseite ab.

Der nun hinter dem Deich verlaufende Schotterweg ist voller Wasserlachen und wieder bin ich beim Slalom. Oben auf dem Deich kommt mir eine junge Frau in Sportkleidung entgegen und sofort frage ich sie nach dem Zustand des Weges. Es gibt dort keinen, sie läuft durchs nasse Gras. Ich bleibe bei meinen Pfützen und Wasserlachen. Nach einiger Zeit sehe ich vor einer Biegung das Dach eines kleinen Schutzhäuschen vor mir und werde dort meine erste Pause machen. Als ich die Schutzhütte erreiche, sind bereits zwei junge Männer anwesend. Sie frühstücken gerade. Ich kann mich dazu setzten und erhalte ein mit Frischkäse belegtes Brot. Wir sind schnell im Gespräch.

Beide kommen von Görlitz und sind den Oder-Neiße-Radweg bis nach Usedom gefahren. Sie fahren noch bis Rügen, wenn ich es richtig verstanden habe. Zum Abschied machen wir noch ein paar Fotos.

Regen, Regen, Regen. Wieder prasselt er auf mich nieder und die Wasserlachen werden größer. Inzwischen stapfe ich mit nassen Strümpfen und Wasser in den Schuhen im Slalom um die riesigen Pfützen. Dann erreiche ich einen Ort und laufe vorbei an einem Campingplatz. Die asphaltierte Straße ist mit vielen riesigen Wasserlachen bedeckt. Nur schmale trockene Streifen ermöglichen mir das Vorbeilaufen. Statt einmal kurz zu warten, bis ich eine Lache passiert habe, fahren einige Fahrzeuge an mir vorbei. Die damit ausgelösten Wasserwellen ergießen sich über meine Schuhe. Diesen Autofahrern hat die Sonne der vergangenen Tage nicht nur die Haut verbrutzelt, sondern auch ihr Hirn!

Nach dem Ort bin ich wieder alleine im Wald. Aber auch die schmalen Waldwege sind mit vielen Pfützen übersät. Ich stapfe öfters großräumig, über Äste und Zweige hinweg, um diese Hindernisse zu umgehen. Dabei nehme ich durchaus eine wunderschöne Waldlandschaft wahr, doch der Sinn steht mir jetzt nicht nach Fotografieren. Ich muss mich zu sehr auf den nassen und matschigen Weg konzentrieren. Ich will endlich ankommen!

Endlich hat es aufgehört zu regnen. Jeder Schritt bei mir ist inzwischen hörbar. Im nun letzten Waldstück vor Zinnowitz treffe ich einige Spaziergänger. Ich hebe mich mit dem Poncho deutlich von den anderen ab. Dabei schaue ich immer wieder in die Gesichter dieser Leute. Die Mimik reicht von Grinsen und auf der Stirn geschrieben: „Was für ein Irrer ist denn da unterwegs“ bis zu einem mitleidigen Blick und: „Oh, der Arme ist bei diesem Hundswetter unterwegs.“ Mit der Betrachtung der Leute vergesse ich für kurze Zeit meine Anstrengungen. Auf Usedom bin ich, bis auf die Pause mit den beiden Radlern aus Görlitz, durchmarschiert.

Das letzte Stück zum Hotel wird zum Geduldsspiel. Mein Navi zeigt mir einen Weg an, der mir aber durch einen Zaun versperrt wird. Ich muss lange Zeit hinter einem Campingplatz entlang laufen und entferne mich deutlich vom Ziel. Gut, das ich das Ziel bereits in meiner geplanten Route gespeichert habe und so kann ich mich schnell wieder dem Ziel nähern. Dann endlich habe ich das Hotel erreicht. Als ich mich im Zimmer ausziehe, stelle ich fest, alles ist komplett nass. Die Strümpfen, die Hose und das T-Shirt wringe ich Waschbecken aus. Eine schmutzige Brühe ergießt sich ins Waschbecken. Ich habe Zweifel, ob alles bis Morgen trocken wird. Meine Schuhe stopfe ich mit dem wenigen Zeitungspapier aus. Meine Füße sind total verschrumpelt und an einigen Stellen leicht wund. Neue Blasen gibt es glücklicherweise aber nicht.

Ich versuche meinen Bericht zu schreiben, doch ich breche vor Müdigkeit ab. Auch ein Versuch ins Internet zu kommen scheitert kläglich. Es reicht für heute!  

 

 

98. Etappe: 28. Juli 2013

Greifswald – Lubmin  22,3 km

Um 6 Uhr versuche ich wieder einmal ins Internet zu kommen, wieder nur eine überaus bescheidene Geschwindigkeit. Dateiübertragung und Seitenaufbau im Schlafwagentempo! Dann schaue ich mir meine heutige Route des Fernwanderweges E9 an und entschließe mich dieser Route nur ein Stück zu folgen. Ich möchte an der Ostseeküste bleiben und mit der Fähre bei Freest nach Penemünde überzusetzen. In Freest gibt es zudem ein Campingplatz. Also ändere ich meine heutige Wegstrecke. Der Weg nach Freest ist sehr lang, vermutlich über 30 Kilometer und die Wettervorhersage sagt Gewitter zum Abend voraus. Noch bin ich unsicher, wie weit ich laufe und wo und wie ich übernachte.

Es wird spät, bis ich das Hotel verlasse und schon nach wenigen Minuten erreiche ich den Marktplatz von Greifswald. Ich bin beeindruckt, alle Gebäude sind bereits restauriert. Auch auf meinem weiterer Weg zum Museumshafen laufe ich an alten restaurierten Gebäuden vorbei. Am Hafen angekommen muss ich bei einer Verkehrsinsel über die Straße. Geduldig warte ich eine Weile, aber kein Auto hält an und lässt mich rüber. Also warte ich eine kleine Lücke ab und zeige mein Überschreiten an und gehe los. Das ankommende Fahrzeug muss halten und der Fahrer beschimpft mich wütend. Ich bin inzwischen schon gelassener und ignoriere ihn. Die hinter ihm stehenden Fahrer werden ungeduldig und einige hupen.

Am Museumshafen an der Ryck stehen einige alte Segelschiffe und mein Weg verläuft parallel zu diesem Fluss. Den historischen Schiffen folgen Segeljachten und in ihrem Hintergrund einige farbenprächtige mehrstöckige schmale Schwedenhäuser. Es ist eine herrliche Kulisse. Der Weg am Ufer der Ryck führt auf einem Deich entlang. Auf der anderen Seite des Deichs häufig Schilf im stehenden Wasser. Ab und zu blitzt durch Sonnenstrahlen das helle Grün der Algen auf. Ich durchlaufe eine idyllische Landschaft und bin froh diesen Weg gewählt zu haben. In Wiek endet mein Weg an der Ryck. Hier mache ich meine erste Pause mit einem erfrischenden Eis. Es ist sehr heiß geworden und die Pause tut gut.

Ein kurzes Stück laufe ich unter Bäumen hindurch, rechts von mir ein Deich. Doch der schattige und kühlere Weg ist schnell Vergangenheit. Ich wechsel auf eine Landstraße mit separatem Radweg. Nun fehlen Schatten spendende Bäume und Büsche, beiderseits nur Getreidefelder. Am Ortseingang von Kemnitz führt der Radweg weg von der Straße. Ich lande plötzlich in einer Sackgasse, nur ein schmaler Durchgang zu einer Wiese ist vorhanden. Mir kommen Zweifel, ob ich nun in einem Privatgelände eintrete. Trotzdem, ich gehe hindurch und am Ende der Wiese steht ein riesiger Baum mit tief hängenden Ästen. Ein herrlicher schattiger Rastplatz und einige Meter oberhalb sehe ich die Autos vorbei fahren. Ich bin wieder in der Nähe der Straße und halte unter dem Baum an. Rucksack ab und auf die Wiese gelegt. Wieder einmal schlafe ich für kurze Zeit ein.

Der Schlaf und die angenehme Kühle taten gut und ich muss mich aufraffen, um wieder zu starten. Nach Überwindung der Böschung stehe ich an der inzwischen viel befahrenen Landstraße, doch jetzt ohne Radweg. Glücklichweise gibt es nach ein paar Hundert Metern wieder einen Radweg. Die Hitze ist ordentlich und meine Gedanken hängen jetzt bei der Wasserversorgung. Meine große Flasche Wasser ist fast leer und so kommt mir, die nach einigen Kilometern, stehende Tankstelle recht. Als ich das Gebäude betrete, empfängt mich eine herrliche Kühle. In Sichtweite ein großes Kühlregal mit einer riesigen Auswahl an Getränken. Ich entscheide mich für O-Saft und 1 ½ Liter Wasser.

Nach meiner Stehpause reift in mir der Gedanke, nur nach Lubmin abzubiegen. Lubmin ist ein Seebad und sollte auch Hotels haben. Doch in der Tankstelle habe ich überhaupt keinen Mobilfunkkontakt. Schräg gegenüber der Tankstelle gibt es ein Buswartehäuschen und dieses steuere ich an. Zunächst werden meine Blasen unter kleinem und großem Zeh versorgt und dann schalte ich nochmals mein Smartphone an. Diesmal ist Kontakt da und ich komme sogar ins Internet und kann mir Hoteladressen mit Telefonnummer aufschreiben. Doch das Telefonieren wird schwierig, ich verstehe durch den vielen Verkehr kaum etwas. Doch ich habe bei einem Anruf Glück und kann ein einigermaßen günstiges Zimmer buchen.

Meine Landstraße hat ab hier keinen Radweg mehr, jetzt heißt es wieder am Straßenrand laufen. Der entgegen kommende Verkehr hat deutlich zugenommen. Fahrzeugkolonnen rollen mal langsamer und mal sehr schnell auf mich zu. Doch diesmal gibt es keine verrückten Raser, es wird mir immer Platz gemacht. Dann erreiche ich einen Bahnübergang mit modernen Schranken. Die Bahn hat hier vorausschauend auch eine Schranke für Fußgänger und Radfahrer gebaut. Nur nach dieser genialen Schranke gibt es nur eine Wiese!

In Lubmin angekommen, sehe ich einen offenen Supermarkt. Also nichts wie hin und mein Abendessen einkaufen. Nachdem ich bereits meinen Rucksack und die Stöcke in den Einkaufswagen gelegt hatte, weist mich eine Frau daraufhin, dass der Supermarkt gerade geschlossen. Ihre junge Tochter zeigt mir mit ihrem Finger das Schild der Öffnungszeiten und Sonntag ist bis 18 Uhr offen. Pech gehabt, und als ich meinen Rucksack aufsetze, fällt mein Blick zufällig auf ein Asia Bistro mit Döner. Eine wilde Kombination, aber vermutlich den Kundenwünschen angepasst. Ich steuere dieses Bistro an und trete ein. Am Ende des Raumes ist ein Fenster auf und davor ein Tisch. Zielstrebig steuere ich diesen Tisch an. Der asiatische Koch spricht mich laut und ernst an: „Wohin wollen sie?“ Ich antworte: „Zum Tisch mit dem offenen Fenster und dann etwas essen.“ Mit dieser Antwort entspannt er sich und lacht. Jetzt erst sehe ich die Tür zum WC, ebenfalls im hinteren Teil des Raumes. Dann aber dringt eine Frauenstimme an mein Ohr: „Dahin wollte ich mich setzen!“

Auch diese Hürde ist sofort nehmbar, denn es ist genug Platz für uns beide an diesem Tisch und so kommen wir schließlich beim Essen ins Gespräch.

Die Frau hat eine 11-stündige Reise vom Saarland mit der Bahn hinter sich und wartet auf ihr Essen. Sie hat das Fenster geöffnet und wartet nur bis zur Fertigstellung ihrer Speise vorne. Sie erzählt mir, dass sie in Lubmin aufgewachsen ist und nun im Saarland lebt und in Heidelberg als Krankenschwester in der Betreuung von alten Menschen arbeitet. Sie übernachtet auch in Heidelberg und fährt somit nicht täglich nach Hause.

Hier in der Nähe von Lubmin gibt es ein Kernkraftwerk. Ihr Vater hat dort gearbeitet und war bis zu seinem Tod, er ist an Krebs gestorben, von der Ungefährlichkeit der Kernkraft überzeugt. Sie berichtet mir auch, dass in ihrem Umfeld viele Menschen an Krebs erkrankt sind.

Ein Bauer hatte mit dem Bürgermeister eine Auseinandersetzung, den Grund habe leider ich vergessen. Jedenfalls hat der Bauer seinem Esel rote Socken angezogen und ist damit vor das Rathaus marschiert. Dort hat er den Esel sein Geschäft verrichten lassen. Ihre Mutter hat diese Begebenheit fotografiert. Bürgermeister hat später eine Eselmetallskulptur errichten lassen.

Nach dem Essen gehen wir ein Stück gemeinsam in den Ort, und wie es sich herausstellte, hatte sie in der Straße meines Hotels einmal gewohnt. Die Straßennamen wurden zwischenzeitlich geändert.

Meine Bauchentscheidung heute unterwegs, im Hotel zu übernachten, war richtig gewesen. Am Abend kommen dann das Gewitter und der erste heftige Regen. Bis spät in die Nacht gibt es mehrere wolkenbruchartige Regenschauer, begleitet vom Donnergrollen. 

97. Etappe: 27. Juli 2013

Stahlbrode – Greifswald  21,9 km

Schon um 6 Uhr sitze ich vor der Campingküche, lade meine Akkus auf und schreibe weiter an meinem Bericht. Das Hochladen der Bilder auf meinen Blog wird zum Geduldsspiel.

Ab 7 Uhr kommen die Ersten an mir vorbei und trauen vermutlich den Augen nicht, dass dort schon jemand arbeitet. Auch mein Zeltnachbar, ein Radfahrer ist neugierig und sucht das Gespräch mit mir und den Blickkontakt mit dem Bildschirm. Er kommt mit der Familie aus Dresden und fährt heute Richtung Stralsund weiter. Später komme ich mit einer jungen Frau ins Gespräch. Sie ist mit ihrem Mann und dem 3 jährigen Sohn hier in Urlaub. Wir kommen über meine Wanderschaft weiter ins Gespräch. Spontan lädt sie mich zum Frühstück mit der Familie ein. Es dauert jedoch noch einige Zeit, bis ich mit dem Internet-Schneckentempo alle Bilder hochgeladen habe. Ich muss wahrscheinlich für die nächste Zeit mit Problemen bei der Datenübermittlung rechnen. Die Telekom scheint den Nordosten nur sehr stiefmütterlich zu behandeln.

Dann endlich ist alles hochgeladen und aktiviert und ich sitze mit der Familie am Frühstückstisch im Freien. Das Paar scheint sehr interessiert an Rad- und Wandertouren zu sein. Sie zeigten auch Interesse an einer Pilgerreise. Und so vergeht die Zeit mit der Unterhaltung wie im Fluge. Mein Zelt kann in dieser Zwischenzeit trocknen.

Wie lange es gestern Abend geregnet hatte, habe ich nicht mitbekommen. Ich habe gut und tief geschlafen. Der Abbau des inzwischen trockenen Zeltes und das Packen geht flott von der Hand. Alles hat inzwischen seinen speziellen Platz im Rucksack. Zum Schluss noch eine kleine Blase unter dem großen Zeh behandelt und bei kleinem und großem Zeh ein Schutz-, aber kein Blasenpfaster darauf.

Dann starte ich durch den Haupteingang und bin ich wieder auf dem Fernwanderweg E9. Ich tangiere nur Stahlbrode und bin kurze Zeit später wieder auf einem Plattenweg. Linke Hand sehe ich die Ostsee. Mich trennen nur ein abgeerntetes Getreidefeld und ein schmaler Baum- und Buschbereich vom Meer. Gedankenverloren laufe ich auf dem Plattenweg vorbei an einem Turm. Erst einige Zeit später, mehr aus der Gewohnheit heraus, schaue ich auf mein Navi. Der eingeschlagene Weg ist nicht mehr mein Weg! Ich entfernt mich Zusehens von der Ostsee und habe wohl eine Abzweigung verpasst. Eigentlich könnte ich jetzt über das abgeerntete Feld den Rückweg abkürzen, doch ich traue mich nicht. Denn wenn am Ende der Abkürzung ein Bach oder Graben ist, wird es nochmals länger.

So wie ich es vermutet hatte, beim Turm gibt es eine Abzweigung. Dieser Umweg bedeutet ca 1,5 Kilometer mehr. Aber wie heißt es so treffend: „Umwege erweitern die Ortskenntnisse“, siehe bei meinem Blog: Lebensweisheiten. Auf dem nun richtigen Weg geht es wieder in unmittelbarer Nähe zur Ostsee weiter. Wieder trennt mich nur Schilf vom Ufer, aber damit habe ich mir wieder die Bremsen und Mücken eingehandelt. Längere Zeit bleibe ich noch an der Ostsee, dann erreiche ich einen Treffpunkt für Kitesurfer. Hier ist richtig was los und hier wird wohl auch geschult. Hier gibt es erstmals eine kleine Sandbank und sofort ist dieser Platz von Sonnenhungrigen belegt.

Ab hier verlasse ich die Ostsee und laufe durch eine kleine Siedlung. Es ist inzwischen sehr heiß und mein Wasser getrunken. Bei mehreren Häusern klingel ich, doch niemand öffnet mir. Ob jemand da ist und nur Bedenken hat, einem Fremden aufzumachen, kann ich nicht erkennen. Ohne Wasser habe ich ein ernstes Problem bei dieser Hitze. Mit der Hoffnung, doch noch irgendwo Wasser zu bekommen, laufe ich weiter. Zunächst bin ich wieder auf einem verlassenen Wirtschaftsweg ohne ein Haus in Sichtweite. Dann aber sehe ich in einiger Entfernung ein Auto anhalten und Momente später mehrere Personen dort stehen. Ich beschleunige meinen Schritt, die Blasen unter den Zehen vergesse ich. Als ich das Fahrzeug erreiche, stehen mehrere junge Leute beim Fahrzeug. Doch bevor ich überhaupt mit meiner Bitte ansetzten kann, spricht mich einer der jungen Männer mit: „Wollen sie etwas zu trinken haben?“ an. Ich bin total überrascht und antworte: „Steht mir das auf der Stirn geschrieben? Genau das wollte ich fragen.“ Er ergänzt: „Ich kennen das, als Radfahrer hatte ich auch schon solche Situationen.“ Von einer jungen Frau werde ich auch noch gefragt, ob ich ein Glas Wasser, gemischt mit Sirup haben möchte. Natürlich nehme ich das Angebot dankend an. Nun habe ich voller Wasserflaschen und ein 0,5-Liter-Glas Wasser mit Sirup. Nach dem Woher und dem Wohin, ist die Überraschung groß, denn einer der jungen Männer ist in Darmstadt in das Eleonore-Gymnasium zur Schule gegangen und lebt heute in Mainz. Aus einem Glas Wasser mit Sirup werden 1 ½ Liter Wasser und schließlich sitze ich hinter dem Haus mit mehreren jungen Leuten am Tisch. Esse ein Stück Kuchen und bekomme als Wegzehrung eine große Tüte Kirschen. Eigentlich fühle ich mich hier ganz wohl, die Lust zum Weiterlaufen ist gering, doch ich muss weiter. Mir wird eine Abkürzung nach Greifswald empfohlen. Der Weg ist schattig und mit dem Fahrrad ist man in 45 Minten in Greifswald. Mir ist klar, wenn ich den Weg laufe, muss ich in anderen Zeitdimensionen denken. Es ist heiß, mein Rucksack schwer und die Blasen sind noch da.

Schon auf dem Weg zur Abkürzung kann ich der Wegzehrung nicht widerstehen. Ich habe die Kirschentüte in eine Plastiktüte gepackt und diese hängt an meinem Brustgurt. So kann ich bequem in die Tüte greifen und naschen. Die Kirschen schmecken köstlich. Ich biege in die empfohlene, parallel zur Bundesstraße verlaufende, Straße ein. Es ist wieder eine Straße mit Kopfsteinpflaster. Das Kopfsteinpflaster ist gut erhalten und die Schatten spendenden Bäume sind auch da. Zunächst noch nicht auseichend, doch das ändert sich schnell. Die Straße wird mit der Zeit eine wunderschöne Allee mit alten Bäumen. Es geht ein leichter Wind und es ist hier herrlich kühl. Nur gelegentlich begegnen mir Autos und Radfahrer. Ganz anders geht es auf der etwa 50 Meter entfernten Bundesstraße zu. Dort wird wieder gerast und es ist viel Verkehr. Ich durchlaufe ein paar kleine Orte. Diese Orte machen mir eher den Eindruck von Ferienhaussiedlungen. Die meisten Gebäude sind neuerem Datums. Dann taucht vor mir ein Schild eines geöffneten Restaurants auf. Natürlich steuere ich darauf zu und im Hof stehen Schatten spendende Schirme und mit Tischen und Stühlen darunter. Aus dem geöffnet ist durch Anschlag an der Tür, ein ab 17 Uhr geöffnet geworden. Egal, ich sitze im Schatten und schon wenige Minuten später biegt ein ein Fahrzeug auf den daneben liegenden Parkplatz ein. Auch ein Radlerpaar verirrt sich, vermutlich durch meine Anwesenheit, in diesen Hof. Mit dem Autofahrer komme ich sofort ins Gespräch. Er und seine Frau leben in Wien und ich vermute, dass seine Frau aus Japan stammt. Ich habe richtig getippt. Dann erkennt sie auch mein Schweißtuch als kleines japanisches Handtuch. Wir plaudern noch eine Weile, dann fahren sie wieder los. Nach dem Radlerpaar breche auch ich wieder auf.

Schon von Weitem sehe ich drei markante Kirchtürme, das muss Greifswald sein. Jetzt laufe ich wieder auf einer Straße ohne Radweg. Als es einen sehr schmalen Pfad, eher eine ausgewaschene Spurrille von Fahrrädern gibt, wechsel ich dorthin. Es ist kein angenehmes Laufen, mit einem Fuß in der Spurrille, mit dem anderen an der seitlichen Schräge, nähere ich mich langsam Greifswald.

Das Hotel ist schnell gefunden und liegt im Altstadtbereich. Für heute reicht es mir, morgen früh laufe ich vermutlich durch die Altstadt. Jetzt jedenfalls ist mein Bedarf fürs Laufen gedeckt. Keine noch so schöne Altstadt reizt mich momentan. Im schön gestalten Garten des Hotels genehmige ich mir ein gutes Essen und mehrere Alsterwasser. Anschließend sitze ich wieder bei der Arbeit. Wenn ich mich nicht diszipliniere, komme ich nicht zu meinen Berichten und Bildern. Eine gewisse Anstrengung und die schlechten Internetverbindungen erschweren alles. Oft möchte ich auf Berichte oder Kontaktmails antworten, doch dazu fehlt mir die Zeit. Ein bisschen Abschalten und Regenerieren muss ich auch. Ich hoffe meine Leser(innen) verstehen das.  

96. Etappe: 26. Juli 2013

Stralsund – Stahlbrode  24,9 km

Wie zuletzt gehe ich kurz nach 7 Uhr zum Frühstück. Die Türen zum Frühstücksraum und auch zur Gaststätte sind noch zu. Es gab gestern eine lange Geburtstagsfeier und vielleicht hat mein Zimmerwirt verschlafen. Nein, gerade als ich wieder zu meinem Eingang gehe, kommt er mir mit dem Fahrrad entgegen. Er holt noch schnell frische Brötchen vom Bäcker. Nach wenigen Minuten ist er wieder da und ich beginne mit dem Frühstücken. Er kommt mit einer Kaffeetasse zu mir an den Tisch und wir unterhalten uns, wie schon die beiden anderen Morgen zuvor.

Es ist immer interessant, wenn er über die Zeit vor der Wende oder kurz nach der Wende (für meine Leser(innen) aus dem Ausland: Wende = Prozess hin bis zur Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland, heute häufig auch der Wechsel zur Wiedervereinigung gemeint) erzählt. Die Hilfe untereinander war und ist wohl auch noch heute häufig vorhanden. Das Improvisieren war auch durch Verknappung vieler Dinge sehr viel ausgeprägter als im Westen. Ich höre ihm gerne bei seinen Geschichten zu.

 Gegen 9:15 Uhr verabschiede ich mich bei meinen Vermietern und starte meine heutige Etappe. Mein Weg führt mich zunächst in Richtung der neuen Brücke zur Insel Rügen. Ich bleibe unterhalb dieser Brücke und laufe schließlich an der Volkswerft Stralsund, so steht es in dicken Lettern an der riesigen Halle, vorbei. Doch bei einer Einfahrt sehe ich dann den Namen P & S – Werft und Plakate der IG Metall, die darauf hinweisen: „Stralsund braucht die Werft“. Es ist offensichtlich nicht gut um diese Werft bestellt.

Der Weg vorbei an der Werft zieht sich und nach der Werft folgen noch Hallen von Metallverarbeiter. Dann endlich habe ich es geschafft. Ich biege in eine kleine Siedlung am Hang liegend ab. Es geht bergauf, wenn auch moderat. Schließlich bin ich wieder an einer Landstraße mit Radweg. Mein Weg geht vorbei an Supermärkten und dann an einer Autoniederlassung von Mercedes Benz mit Namen: „Autohaus Boris Becker“. Sollte unser ehemaliger Tennisstar hier oben im Nordosten der Republik in den Autohandel eingestiegen sein?

Nach einem weiteren Wechsel auf eine verkehrsarme Straße erreiche ich den Ort Devin und durchlaufe diesen. Am Ortsende biege ich schließlich auf einen mit Betonplatten ausgelegten Weg und bin wieder völlig alleine unterwegs. Nachdem ich ein paar Bauruinen passiert habe, führt mich mein Weg durch wild wuchernde Wiesen und bereits abgeerntete Felder. Obwohl es bewölkt ist, die Sonne findet ihren Weg hindurch und scheint recht kräftig. Mir fließt wieder der Schweiß in Strömen.

Ich nähere mich einem großen Verkehrskreuz und mein Unwohlsein wieder auf einer verkehrsreichen Straße, womöglich auch noch ohne Radweg, unterwegs zu sein, steigt in mir hoch. Doch mein Weg biegt vorher auf eine alte, mit Kopfsteinpflaster, belegte Straße ab. Diese Straße ist zu beiden Seiten stark abschüssig. Da hier kein Verkehr ist, laufe ich auf der höchsten Stelle der Fahrbahn in der Mitte. Ab und zu spenden größere Bäume Schatten, doch schnell hat mich die Sonne wieder. Nach etwa vier Kilometern erreiche ich Brandshagen. Das Kopfsteinpflaster bleibt auch hier, doch zusätzlich gibt es nun einen Gehweg. Der ist deutlich angenehmer zu laufen. Am Ortsende sehe ich einen Mann in einer Wiese an einem Baum stehen. Beim Näherkommen erkenne ich, dass er Kirschen pflückt und mir zuwinkt, auch zum Baum zu kommen. Sein Mundbereich und seine Hände sind blutrot gefärbt. Der Saft dieser fast schwarzen Wildkirschen hinterlässt deutliche Spuren. Wir unterhalten uns einige Zeit beim Pflücken und Essen.

Im nächsten Ort Niederhof stehe ich schließlich bei zwei Privatgrundstücken, den schmalen Weg zwischendurch erkennt man kaum. Nun betrete ich wieder Waldgebiet und sofort habe ich Bremsen und Mücken um mich. Ich wedel unentwegt mit meinem Schweißtuch, um einigermaßen unbehelligt zu bleiben. Plötzlich höre ich mehrfach grunzen. Wildschweine sind in der Nähe und mein Schritt wird unweigerlich schneller. Bekanntschaft möchte ich mit diesem Borstenvieh nicht machen. Dieser Wald ist naturbelassen und so laufe ich häufig an umgestürzten Bäumen vorbei. Nach Verlassen des Waldes geht es an dessen Rand und an Getreidefelder vorbei. Schließlich habe ich die Ostsee wieder im Blick.

Ich laufe zwar in Ufernähe, doch hier gibt es keinen Sandstrand, nur Schilf. Mal bin ich näher zum Ufer, mal entferne ich mich davon. Auch mich umgibt schließlich das hohe Schilf, doch glücklicherweise wurde erst vor Kurzem der Weg zwischendurch gemäht. Immer noch wedel ich zur Abwehr der Plagegeister mit meinem Schweißtuch. Ich erreiche ein überraschtes Nudistenpaar, scheinbar machen ihnen die Bremsen und Mücken nichts aus. Mit einem Wanderer haben sie wohl hier nicht gerechnet.

Über eine kleine Holzbrücke überquere ich einen kleinen Bach inmitten des Schilfs. Hier sehe ich wieder, wenn auch fast vergilbt, das Markierungszeichen des E9. Noch einige Kilometer führt mich mein Weg durch Buschwerk nahe am Ufer vorbei. Immer noch kein Strand in Sicht, weiter nur Schilf. Schließlich erreiche ich mein heutiges Etappenziel Stahlbrode. Der Campingplatz ist erstmals wieder überschaubar klein. Ich baue mein Zelt auf einer Wiese auf. Nach dem Duschen gehe ich zum Hafen und dort zu dem einzigen Restaurant. Hier habe ich wieder eine Steckdose nahe des Tisches. Mit der griesgrämig dreinschauenden Wirtin werde ich nicht warm, es ist mir zu ungemütlich hier und so begebe ich mich sofort nach dem Essen zurück zum Zeltplatz. Draußen vor der Küche gibt es einen überdachten Vorbau, einen Tisch mit Stühlen und auch eine Kabeltrommel. Nach einiger Zeit des Arbeitens fängt es an zu regnen. Schnell packe ich alles zusammen und krieche in mein Zelt. Gerade noch rechtzeitig, denn nun wird der Regen heftig. Trotz des Trommelgeräuschs der Regentropfen schlafe ich ein. 

95. Etappe: 23. Juli 2013

Campingplatz nach Barth – Stralsund  20 km

Ich werde erst gegen 6:30 Uhr wach. Diesmal hat mich kein Möwengeschrei vorher geweckt. Schon kurz nach 7 Uhr sitze ich im geöffneten Aufenthaltsraum der Jugendherberge und versuche ins Internet zu kommen. Wieder ist die Verbindung viel zu schlecht, es kommt mehrfach zu Zeitabbrüchen. Damit habe ich nun ein Problem, denn ohne Internet ist keine Suche nach einer Unterkunft in Stralsund möglich. Jetzt muss ich auf die wenigen bereits in Rostock notierten Telefonnummern von Pensionen zurückgreifen.

Dann um 7:30 Uhr Frühstück. Auch in dieser Jugendherberge und auf dem Zeltplatz sind nun überwiegend Familien mit Kindern. Es ist ein munteres Treiben im Speisesaal oder bei den Tischen im Freien. Diese Jugendherberge ist ideal für Familien. Hier gibt es reichlich Spielmöglichkeiten, ein Gehege mit kleinen Ziegen und Ponys ist vorhanden und auch ein Reiterhof gehört noch dazu.

Nach dem Frühstück behandele ich noch meine Blase unter dem kleinen linken Zeh, dann geht es ans Packen und ans Zelt abbauen. Danach starte ich heute wieder einmal zu einer Arbeitstour mit viel Straße. Diesen Weg habe ich ausgesucht, um innerhalb einer Etappe nach Stralsund zu gelangen.

Zunächst führt mich meine heutige Route weiter auf dem mit Betonplatten ausgelegten Weg. Nach einiger Zeit kommen mir die ersten landwirtschaftlichen Fahrzeuge entgegen. Bei zwei riesigen Mähdreschern muss ich aufs Feld ausweichen, denn diese Fahrzeuge sind deutlich breiter als der Weg. Es ist jetzt die Zeit der Ernte eingetreten. Damit haben sich auch die Farben in der Landschaft deutlich verändert. Jetzt überwiegen die Braun- und Gelbtöne. Bei Sonneneinstrahlung kommt noch das herrliche Goldgelb hinzu. Auch die nun etwas weniger vorhandenen Grüntöne haben sich hin zum dunkleren Grün entwickelt. Das helle leuchtende Grün ist nun weitgehend verschwunden.

Es wird immer wärmer und nur ein laues Lüftchen weht. Der Schweiß fließt bei mir in Strömen. Mein kleines Schweißtuch ist inzwischen zum Auswringen nass. Dieses kleine Schweißtuch stammt aus Japan und ist eigentlich ein kleines Handtuch, dass in den japanischen Bädern genutzt wird. Von meinen Reisen nach Japan habe ich auch die Nutzung dieser Handtücher als Schweißtuch gelernt. Dort feuchtet man das Tuch immer wieder mit kaltem Wasser an. Habe ich heute leider vergessen und so ist die Feuchtigkeit nur vom Schweiß!

Vom Plattenweg wechsel ich auf eine kleine Kreisstraße. Vor mir kommen ein kleiner Junge, ein etwas größeres Mädchen und die Mutter mit Rädern aus einem Hof gefahren. Plötzlich der Ruf der Mutter zu ihrem Sohn: „Du hast ja keinen Helm auf, sollen wir ihn noch holen?“ Wie selbstverständlich lehnt der Junge ab. Für mich aber nachvollziehbar, denn die Mutter trägt selbst auch keinen Helm. Eine tolle Vorbildfunktion für die eigenen Kinder!

Schon nach kurzer Zeit biege ich auf eine Landstraße ohne Radweg ab. Und sofort ist der Autoverkehr wieder da. Wieder beginnt eine unangenehme Phase mit meistens vernünftigen, aber auch einigen rücksichtlosen, Fahrern und Fahrerinnen. Zudem macht sich meine Blase immer deutlicher bemerkbar. Bei einem Parkplatz mit Kranichaussichtsplattform kurz vor Flemendorf, mache ich eine Rast und verarzte meine Blase. Hier bekomme ich dann beim dritten Versuch ein günstiges Zimmer in einer Pension in Stralsund.

Auf einer Informationstafel kann ich lesen, dass die Kraniche hier bei ihrem abendlichen Überflug zu den Schlafplätzen zu beobachten sind. Aber auch hier auf den abgeernteten Getreide- und Maisfeldern bei der Nahrungssuche zu beobachten sind.

Im nächsten Ort kann ich endlich auf einen separaten Radweg ausweichen und in Gross Kordshagen schließlich verlasse die Landstraße und biege in einen Feldweg ab. Nun bin ich für längere Zeit ohne Begegnung mit Menschen oder Fahrzeugen. Vor mir nur noch große Getreide-, Mais- und Rapsfelder und zwischendrin kleine Buschgruppen und Wäldchen.

Bei einem weiteren Stopp wird es wieder Zeit meine Blase zu behandeln. Sie ist an einer unangenehmen Stelle. Bei jedem Schritt trete ich unwillkürlich auf diese Blase. Mein Laufen ist nun in ein leichtes Humpeln gewechselt. Es ist inzwischen heiß und schwül und mit Freude sehe ich vor mir einen Wald. Mit Eintritt in diesen Wald empfängt mich eine angenehme Kühle. Doch meine Freude währt nicht lange, denn wie aus heiterem Himmel bin ich einer Attacke von Bremsen ausgesetzt. Sie fallen förmlich über mich her und setzten sich auf meine Arme, ins Gesicht oder in meinen Nacken. Innerhalb weniger Momente töte ich weit über zehn Bremsen und muss mit meinem Schweißtuch zur Abwehr ständig wedeln. Den Blasenschmerz ignorierend, werde ich immer schneller und versuche diesen Bremsen zu entfliehen. Erst als ich den Wald verlasse, lässt auch die Plage weitgehend nach.

Um auf die Bundesstraße zu gelangen, muss ich nun eine ausholende Schleife auf meinem Weg nehmen. Ich entschließe mich für einen kleinen Weg, der parallel zur Bundesstraße verläuft und dann darauf mündet. Mein Navi zeigt mir diesen kleinen Weg an. Doch nach etwa 800 Metern staubendem und steinigem Weg endet dieser vor einem Grundstück mit zwei Häusern. Links vor den Gebäuden biegt ein Feldweg ab. Nach meinem Navi gibt es den Weg nicht, ich aber folge ihn in der Hoffnung an den Gebäuden vorbei zu kommen. Vor mir jetzt in einiger Entfernung ein riesiges Solarzellenfeld. Schon nach kurzer Zeit geht der Feldweg in einen fast zugewucherten Pfad entlang eines Feldes über. Außerdem erkenne ich jetzt, dass vor mir auch noch eine Bahntrasse zu überwinden ist, um auf meine geplante Route zu gelangen.

Immer näher komme ich der Straße und der Bahntrasse und der schmale Pfad ist inzwischen nicht mehr zu erkennen. Ich durchlaufe eine Wiese mit hohen Gräsern, Wildpflanzen und vielen hohen Disteln. Egal, jetzt bin ich schon so weit gelaufen, jetzt muss ich mich bis zur Straße durchschlagen. Dann stehe ich vor einem Graben und dahinter erhöht ein Bahngleis. Beides überwinde ich und nach einer weiteren kurzen Durchquerung einer schmalen Wiese, stehe ich jetzt vor einem breiteren, tieferen und feuchten Graben. Dahinter die Leitplanke mit viel und schnellem Verkehr. Auch gibt es keinen Randstreifen zwischen Fahrbahn und Leitplanke. Selbst bei Überwindung des Grabens ist mir der Weg auf dieser Bundesstraße zu gefährlich. Es bleibt mir nichts anders übrig, ich muss zurück über das Bahngleis, den Graben und wieder auf dem schmalen Pfad zu den Gebäuden laufen. Als ich den Gebäuden näherkomme, richtet sich überrascht eine Frau auf einer Liege liegende durch mein plötzliches Erscheinen auf. Es ist eine Asiatin, leider kann ich mich nicht wirklich mit ihr verständigen. Doch dann kommt ein Fahrzeug angefahren. Von dem Fahrer erfahre ich, dass ich nicht die ausholende Straße nehmen muss, sondern dass es eine Unterführung und einen separaten Weg zum naheliegenden Bahnhof gibt.

Der Umweg hat mir etwa vier Kilometer Umweg beschert und um diese Bundesstraße zu umgehen, muss ich etliche Kilometer zusätzlich in Kauf nehmen. Außerdem rät mir meine Blase, zu fahren und nicht zu laufen! Also weiter zum Bahnhof. Der Bahnhof entpuppt sich als Haltestelle und der nächste Zug fährt erst in zwei Stunden. Das ist zu lange und so entschließe ich mich zum Trampen. Gleich hinter der Bahnhaltestelle gibt es an der Bundesstraße eine Parkbucht, also ideal zum Stehen.

Ich habe Glück und schon nach wenigen Minuten hält ein Transporter mit zwei Frauen an. Sie nehmen mich mit und setzen mich, mit einem kleinen Umweg für sie, bei einer Bushaltestelle am Rande von Stralsund ab. Dort fahre ich nach etwa 15 Minuten Wartezeit bereits mit dem Bus zum Busbahnhof in Stralsund. Der Fahrer erkundigt sich freundlicherweise bei der Zentrale nach meiner, ihm unbekannten, Zielstraße. Vom Busbahnhof sind es dann nur noch 400 Meter bis zu meiner Pension. Hier genehmige ich mir erst einmal ein großes Alsterwasser (= Radler = Bier mit Limo) und komme mit dem Wirt ins Gespräch.

Vor seiner Gaststätte und Anglerpension steht ein gut erhaltener roter VW-Käfer. Er gehört ihm und er erklärt mir stolz, dass er noch einen älteren Käfer hat. Dieser aber noch hergerichtet werden muss. Er ist Mitglied im örtlichen Oldtimer Club.

Dann erzählt er mir, dass er Lkw-Fahrer gewesen ist und bis zur Wende hier einen Altstoffhandel hatte. Danach habe er diesen Gasthof mit Pension aufgebaut. Er wurde zur Volksarmee als Lkw-Fahrer eingezogen. Im Bataillon stellt er dann fest, dass alle als Fahrer eingezogen wurden und das es überhaupt nicht so viele Fahrzeuge hier gab. Schließlich hatte er doch Glück und wurde mit weiteren 12 Kameraden tatsächlich als Lkw-Fahrer ausgewählt.

Irgendwie ergab es sich dann, dass einer der Kameraden ihn beiseite nahm und ansprach: „Gehste mit rüber, wenn wir später zur Grenze fahren?“ und er antwortete ohne zu viel zu überlegen und um ihn loszuwerden, mit: „Ja, ja.“ Später bei den Fahrteneinteilungen erhielt er nie eine Fahrt zur Grenze, sondern musste immer die unangenehmen und häufig frühen Fahrten absolvieren. Da wurde ihm klar, dass dieser Kamerad ein Stasispitzel gewesen war. Später wollte er seinen Traum verwirklichen und Seemann werden, das wurde ihm aber verwehrt. Glück hatte er dann doch noch durch einen guten Bekannten, der ihm schließlich die Zulassung zum Altstoffhandel ermöglichte. Damit hat er viel Geld für DDR-Verhältnisse verdient.

Fazit des Tages: „Erst bremst mich meine Blase aus, dann eine Bremsenattacke und schließlich bremst mich Graben und Gefährlichkeit der Bundesstraße aus. Zuviel Bremsen und doch ein guter Etappenausgang.“  

94. Etappe: 22. Juli 2013

Campingplatz bei Prerow – Campingplatz nach Barth  27,1 km

Wieder war die Nacht kurz. Bis Mitternacht gab es am Strand eine Beach Party, dann erfreuten sich die Möwen mit ihrem Geschrei mich zu wecken. Trotzdem bin ich froh, dass meine vier längeren Aluheringe tatsächlich im weichen Sand gehalten. Die Bedenken, irgendwann in der Nacht unter dem zusammengebrochenen Zelt aufzuwachen, waren unbegründet gewesen. Ich hatte aber sicherlich auch Glück, dass es fast windstill war! Das Außenzelt ist innen wie außen noch feucht und ich lasse es gemächlich angehen. Die schon wieder starke Sonne muss erst die Feuchtigkeit vertreiben.

Da mein Zeltplatz im tiefen weichen Sand steht, bin ich unentwegt dem Sand ausgesetzt. Überall Sand beim Packen und Zusammenbauen. Schließlich ist alles im Rucksack verstaut und vermutlich mit Sandzusatzgewicht. Bei meinem Weg Richtung Rezeption komme ich auch am Zelt von dem jungen Paar von gestern vorbei. Beide stehen schon draußen und so komme ich nochmals mit Ihnen ins Gespräch.

Danach geht es zur Rezeption und zur Abgabe der Duschkarte. Anschließend durchlaufe ich den riesigen Zeltplatz. Er war mir zu groß und auch viel zu teuer, doch die einzige Übernachtungsmöglichkeit. Weiter geht es ein Stück durch den Wald und dann in der Ort Prerow. Hier mache ich in einem Café meine heutige Frühstücksrast.

Nach einer längeren Zeit durch den Ort erreiche ich schließlich den Deichweg. Auf ihm geht es dann weiter. Inzwischen begegnen mir schon Heerscharen von Radfahrergruppen. Alle strömen zu den Badestellen am Strand. Schließlich kann ich auf einem kleinen Weg zwischen Düne und Wald, hinter dem Strand und weg vom Deichweg laufen. Hier ist es auch etwas kühler. Leider gibt es diesen schön zu laufenden Pfad nur für kurze Zeit und der Deichweg hat ich wieder. Hier bin ich wieder der Sonne und den vielen Radfahrern ausgesetzt. Doch alle fahren entspannt und langsam zum Strand.

Bei dem Ort Zingst muss ich im großen Bogen den Deichweg verlassen. Immer wieder sehe ich Plakate unserer Bundeskanzlerin, die heute Mittag hier einen Wahlkampfauftritt hat. Unter dem linken kleinen Zeh macht sich eine Blase bemerkbar. Nach der Überquerung einer Brücke, im Schatten eines Baumes, halte ich zur Behandlung dieser Blase an. Doch kaum habe ich meine Schuhe und Strümpfe ausgezogen, bin ich einer Mückeninvasion ausgesetzt. Unglaublich, wie schnell die Mücken mich entdeckt haben. Ohne Behandlung der Blase ziehe ich schnell wieder Strümpfe und Schuhe an. Eile dann humpelnd weiter. Ich hätte es besser wissen müssen, denn hier ist um mich herum Sumpfgebiet. Erst als ich durch abgeerntete Felder komme, hört auch die Mückenplage auf.

Vor mir ein Rastplatz mit einer reetgedeckten Hinweistafel zum Kranichdorf Bresewitz und mit Informationen zu der zuvor überquerten Brücke, dem historischen Ort und den Kranichen. Ebenfalls vor mir ein ehemaliger Bahnhof mit alten Waggons, ausgebaut zu einer Kunstgalerie. Ein Werbeschild zeigt zu einem Eiscafé mit Sanddorneis in etwa 300 Metern. Ich misstraue diesen Angaben, immer wenn Werbung im Spiel war, stimmten die Entfernungsangaben nicht! Jedenfalls halte ich hier am Rastplatz zur Blasenbehandlung an.

Diese Blase hindert mich beim zügigen Laufen, erst nach einiger Zeit komme ich wieder in Tritt. Für längere Zeit geht es an Wiesen, Sträuchern und kleinen Siedlungen vorbei, bis ich auf eine Landstraße nach Barth abbiege.

Es ist gegen 16:45 Uhr, ich habe schon das Ortsschild von Barth im Blick, als plötzlich hinter mir die Sirenen eingeschaltet werden. Ein Konvoi mit Blaulicht, vorneweg zwei Polizeifahrzeuge, denen folgend zwei schwarze A8 Audi-Limosinen und hintendran nochmals zwei Polizeifahrzeuge, fahren an mir vorbei. In einem der beiden Audis sitzt mit größter Wahrscheinlichkeit unsere Bundeskanzlerin Merkel. Sie hatte in Ostseebad Zwingst um 15 Uhr einen Auftritt. Der Ort ist nicht weit entfernt und ich habe ihn bereits am Rande durchquert. Ich armer Wanderer werde nicht beachtet 🙂 und mit Sirenengeheul erschreckt und überholt.

Ich folge der Beschreibung der netten Frau von der Jugendherberge und laufe nach Erreichen von Barth in Richtung des Hafens. Dort weist mir auch schon ein Hinweisschild zur Jugendherberge den Weg. Es folgen nun etwa 2,5 Kilometer auf einem mit Betonplatten ausgelegten schmalen Weg, bevor ich die Jugendherberge erreiche. Gegenüberliegend der Barther Bodden, ein See mit direkter Verbindung zur Ostsee.

Bei der Anmeldung entschließe ich mich für ein Abendessen und so muss ich mich mit dem Zeltaufbau sputen. Bis zum Schließen der Essensausgabe sind es nur noch 30 Minuten. Da die Zeltwiese abschüssig zu einem Feld liegt und die besten Plätze unten schon vergeben sind, baue ich mein Zelt vor einer Reihe kleinerer Hütten auf. Der Boden ist knochenhart und ich muss mir bei Zeltnachbarn einen Hammer ausleihen. Schließlich ist doch alles zügig fertig. Verschwitzt bekomme ich noch meine warmen Nudeln mit Soße und Nachtisch.

Nach dem Abendessen ist ein munteres Treiben von Jugendlichen vor den Hütten. Mir schwant Fürchterliches, sollte es heute wieder eine unruhige Nacht geben? Nach einigen Versuchen im Aufenthaltsraum ins Internet zu kommen, schreibe ich einen Bericht und begebe mich kurz vor der eintretenden Dunkelheit zurück zum Zelt. Mit Freude registriere ich die gedämpfte Unterhaltung der Jugendlichen vor den Hütten. Irgendwann schlafe ich ohne große Störung ein. 

93. Etappe: 21. Juli 2013

Strand (nach Ahrenshoop) – Campingplatz bei Prerow  17,3 km

Etwa um 4:30 Uhr werde ich wach und erlebe einen schönen Sonnenaufgang mit. Dann holt mich aber der Schlaf nochmals ein. Gegen 7:30 Uhr werde ich durch die starken Sonnenstrahlen endgültig wach. Das Möwengeschrei habe ich heute Morgen nicht mitbekommen. Es war eine herrliche Nacht gewesen und ich bin vollkommen ausgeschlafen. Zunächst lege ich meinen feuchten Daunenschlafsack und meine leicht klammen Sachen in den Gräsern um mich rum zum Trocknen aus. Dann geht es zum menschenleeren Strand und in die Ostsee. Im ersten Moment etwas kühl, doch dann ist es sehr angenehm. Ich habe den Strand alleine für mich. Wäre ich nicht alleine unterwegs, hätte ich sicher schon öfters, auch ohne Badehose, ein Bad genommen. Doch alles alleine am Strand zurückzulassen traue ich mich nicht. Ein Diebstahl meiner Sachen könnte schnell meine Wanderschaft beenden. Dieses Risiko gehe ich lieber nicht ein. Um so mehr genieße ich dieses Bad.

Schließlich breite ich das Zelt zum Trocknen aus und lege mich nochmals auf meine Luftmatratze im Sand. Nun müssen nur noch die Sachen trocknen. Gegen 9:30 Uhr starte ich dann mit komplett trockenem Schlafsack und trockenem Zelt. Schon nach etwa 200 Metern kann ich wieder hoch in den Wald.

Wieder ein lichtdurchfluteter Wald mit sich ständig wechselnden Bereichen. Mal gibt es kurze Gräser, mal lange Schilfgräser zwischen den Bäumen. Dann wieder sind die Bäume umgeben von Feuchtgebieten. Durch das Blätterwerk fallen Sonnenstrahlen und leuchten die Grünen der algenüberzogenen Tümpel herrlich aus. Zwischendrin umgestürzte und abgestorbene Baumstämme. Eine traumhafte Waldlandschaft!

Der Wald ist sehr groß und ich bin lange in ihm unterwegs. Die Waldwege führen schließlich zu einem großen Stern zusammen. Immer mehr Radfahrer sind inzwischen unterwegs, ich bin wie immer ein Exot unter diesen Urlaubern. Vom Wegestern aus entscheide ich mich für den Weg zunächst zum Leuchtturm. Dort angekommen finde ich Massen von abgestellten Fahrrädern vor. Das letzte Stück des Weges zum Leuchtturm und zum Wasser ist nur noch loser Sand. Auf den Leuchtturm steige ich mit meinem Rucksack nicht. Wahrscheinlich hat man von oben einen herrlichen Überblick, für mich aber deutlich zu anstrengend.

Ich entscheide mich nun vom Turm beginnend für den Rundwanderweg, der nach meinem Navi auch zum Zeltplatz führen muss. Der Rundweg beginnt ab hier mit einem Holzsteg, auf dem das Fahren mit Rädern untersagt ist. Daher auch die vielen abgestellten Räder. Vorbei geht es an wunderschönen Blumen und Pflanzen. Zwischendrin muss ich immer wieder durch losen Sand stapfen. Es umgibt mich eine schöne Dünenlandschaft. Dann endlich zeigt mir ein Schild den Weg zum Campingplatz. Doch bis dahin dauert es noch. Selbst als ich den Zeltplatz erreiche, habe ich noch einen langen Weg zur Rezeption vor mir. Der Platz ist riesig und unübersichtlich! In der Rezeption erhalte ich einen der wenigen freien Plätze in den Dünen. Was ich noch nicht weiß, es ist ein Platz nahe zum Strand und im hohen losen Sand.

Nach längerem Suchen und Durchfragen erreiche ich schließlich den Platz. Nun muss ich erstmals meine längeren Aluheringe einsetzten. Ein Unbehagen beschleicht mich bei dem Gedanken, dass mir der Wind die Heringe heute Nacht rausziehen könnte. Nach dem Aufbau suche ich mir einen Arbeitsplatz mit Strom. Mein Smartphoneakku ist fast leer und der Akku des Notebooks hat auch schon seit gestern seinen Geist aufgegeben. Schließlich muss auch der Ersatzakku meiner Kamera geladen werden. Ich habe Glück, in der nahe gelegenen Pizzeria finde ich im Inneren einen Stromanschluss und das Wohlwollen der Chefin.

Kurz vor Sonnenuntergang begebe ich mich wieder zu Zelt und komme mit einem jungen Paar ins Gespräch. Nach Rückkehr zum Zelt ertönt mit deutlicher Lautstärke Musik und Gesang zu mir. Es ist eine Strandparty im Gange. Doch irgendwie schlafe ich trotz Musik ein.

 

92. Etappe: 20. Juli 2013

Graal-Müritz – Strand (nach Ahrenshoop)  29 km

Das Schreien der Möwen beendet meinen Schlaf sehr früh und so begebe ich mich noch vor dem Ansturm der Massen zu den sanitären Anlagen in der Nähe. Da ich meinen Weg am Strand fortsetzen werde, begebe ich mich schon früh zur Rezeption. Ich muss mich bereits in einer kleinen Schlange Wartender einreihen. Doch es geht noch einigermaßen zügig. Als ich die Rezeption jedoch verlasse, hat sich die Schlange deutlich vergrößert. Wieder bei meinem Zelt angekommen, sind auch Markus und Silke auf.

Nun geht es wieder ans Packen und schließlich ans Verabschieden. Ob wir uns nochmals sehen, ist fraglich. Wir befinden uns im Fischland Darß und sie wollen am Bodden vorbei und ich oberhalb an der Küste entlang.

Nach einem Stück am Strand entlang erreiche ich einen Wald und laufe an wunderschönen reetgedeckten Häusern einer Ferienanlage vorbei. Einmal endet mein Weg vor einem privaten Grundstück, dann aber bin ich wieder hinter dem Deich. Immer wieder komme ich an kleinen reetgedeckten Häusern vorbei. Gut finde ich es, dass hier an der Ostsee keine Hotelklötze gebaut werden. Wenn gebaut wird, dann nur in normaler Höhe von Einfamilienhäusern.

Schließlich verlasse ich den Pfad hinter dem Deich und muss nun auf dem Deichweg entlang laufen. Es wird zunehmend heißer, der Schweiß läuft in Strömen. Dann kommt eine Radfahrerin auf mich zu.

Schon bevor sie mich erreicht, ruft sie mir freudig zu: „Das werde ich auch tun!“ Sie fährt an mir vorbei, ich drehe mich zu ihr um und sie stoppt auch schon. So kommen wir ins Gespräch und sie erzählt sie mir, dass sie hier aus der Gegend stammt. Ihre Eltern haben hier in der Nähe ein Häuschen und sie kommt immer wieder hierher. Mit dem Rad ist sie dann viel unterwegs hier. Leben und Arbeiten tut sie aber in Wiesbaden. Ich erwidere, dass ich in Darmstadt lebe und von dort zu meiner jetzigen Wanderschaft gestartet bin.

Wir sprechen über die Ostsee, von dieser wundervollen Landschaft am Darß. Dann empfiehlt sie mir, in den Dünen noch vor Ahrenshoop oder auch danach vor dem Darß Wald am Strand zu übernachten. Ihre Begeisterung steckt mich an. Der Weg nach Prerow ist noch weit und bei diesem Traumwetter ist eine Übernachtung im Freien sehr interessant.

Sie will auch eine Wanderung hier an der Ostsee unternehmen, um noch intensiver ihre Heimat kennenzulernen. Zuvor aber will sie mit einer Freundin Mexiko bereisen. Diese Freundin hatte dort mal für einige Zeit gelebt. Sie ist von meiner Wanderschaft begeistert und so ich gebe ihr meine Visitenkarte mit der Blogadresse. Sie wird nochmals Kontakt aufnehmen, verspricht sie mir. Dann verabschieden wir uns.

Der Weg durch den Darß, auf diesem asphaltierten Belag, nehme ich nicht wirklich wahr. Beiderseits des Weges Wildblumen und –pflanzen, so weit das Auge reicht, lenken mich total ab. Das Farbenspiel der verschiedenen Farben und Farbtupfer ist einmalig, ich bin wieder völlig fasziniert und fotografiere unentwegt diese Eindrücke. Natürlich können meine Bilder nicht vollständig diese eindrückliche Landschaft wiedergeben. Doch hoffentlich ein bisschen davon aber zeigen.

Die Zeit vergeht wie im Fluge, ich bewege mich inzwischen auf einer Steilküste mit herrlichem Blick auf das blaue Meer und den tiefblauen Himmel, entlang. Dann erreiche ich einen traumhaften Platz noch oben auf der Steilküste. Hier könnte ich meine Nacht im Freien verbringen. Abgelegene Plätze gibt es hier genug. Doch ein Blick auf mein Navi sagt mir, ich muss noch durch Ahrenshoop und erst dann einen Schlafplatz finden. Es ist noch zu früh für ein Etappenende.

Weiter geht es an der Steilküste entlang. Unter mir am Strand viele Badegäste und doch ist der Strand nicht wirklich überlaufen. Dann erreiche ich schließlich Ahrenshoop. Der Ort ist nett und ich mache bei einer Eisdiele eine Rast. Das Eis hier schmeckt köstlich, ist etwas cremiger als das italienische Eis. Mir schmeckt es jedenfalls deutlich besser. Wieder nehme ich Sanddorn und Holunder. Nach der Pause geht es weiter durch den lang gezogenen Badeort. Schließlich erreiche ich den Darßwald und biege runter zum Strand ab.

Der Darßwald oder Darßer Wald ist ein Nationalpark mit naturbelassenem Wald. Er erstreckt sich über große Teile der Halbinsel Darß. Es gibt hier eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt. Morgen werde ich diesen Wald durchschreiten!

Einige Zeit laufe ich am Strand entlang, es sind nur noch wenige Badegäste anwesend und so suche ich mir einen Schlafplatz in den Dünen oberhalb des Strandes. Den finde ich recht schnell, er ist einigermaßen versteckt hinter einem Sandwall und nur 20 bis 30 Meter vom Strand entfernt.

Zur Sicherheit lege ich meine Zeltunterlage aus und darüber das Zelt, ohne es jedoch aufzubauen. An den äußeren Seiten verankere ich es mit mehreren Heringen. Unter dem Außenzelt lege ich meinen Rucksack, meine Sachen und schließlich zum Teil auch meine Luftmatratze und den Schlafsack. Nun lasse ich den warmen Abend einsam in den Dünen ausklingen. Erlebe noch einen herrlichen Sonnenuntergang und schließlich schlüpfe ich müde in meinen Schlafsack. Ziehe noch das Außenzelt über den Schlafsack, sodass nur noch mein Kopf hervorschaut. Der anstrengende aber wunderschöne Tag mit den vielen Eindrücken lässt mich schnell einschlafen.

Irgendwie werde ich nachts wach. Es ist eine sternklare Nacht und Vollmond. Leicht erschrocken stelle ich fest, die Oberfläche des Zeltes feucht ist. Doch morgen ist ein neuer Tag und wieder Sonnenschein zum Trocknen. Noch eine Zeit lang schaue ich in den klaren Himmel, um mich herum Stille, nur die Wellen des Meeres vernehme ich. Es wirkt so beruhigend und dabei schlafe ich wieder ein.  

Hinweise

Hatte und habe Probleme mit dem Internetzugang. Nun sitze ich im Bahnhof Stralsund und warte auf den Zug nach Rügen. Hier komme ich erstmals über den Telekom-Hotspot ins Internet.

Habe den durch schlechte Verbindung unvollständigen Artikel 91 aktualisiert und auch die Kommentarfunktion für diesen Artikel wieder freigeschaltet.

Gestern habe ich die 95. Etappe hinter mich gebracht. Artikel und Bilder folgen hoffentlich morgen. Dann wieder über diesen Hotspot im Bahnhof.

Nun genieße ich gleich meine Fahrt nach Rügen und hoffentlich auch mit dem Schiff zu den Kreidefelsen. Auf Wiedersehen auf meinem Blog.