29. Etappe: 29. April 2013

Gütersloh – Beelen  25,7 km

Noch mitten in der Stadt und doch schon nach kurzer Zeit mitten im Park. Der Nebenfluss der Ems, die Dalke, begleitet mich nun. Ich höre Fahrzeuggeräusche, bin aber zu weit weg um Fahrzeuge zu sehen. Nur ab und zu überquere ich eine kleine Straße, dann bin ich wieder im Park. Fast übergangslos tauche ich dann in die Flussaue der Dalke ein. Immer mehr zeigt sich mir eine atemberaubende Landschaft. Ich fühle mich wie mitten in einem Gemälde und muss eine kurze Pause mache, um diese Landschaft zu genießen. Dieser Anblick bleibt mir noch eine Zeit lang erhalten.

Nach etwa 1 ½ Stunden verschwindet leider der blaue Himmel und ein fast dichter Wolkenteppich verdeckt die Sonne. Gleichzeitig kommt ein kräftiger und kalter Wind auf. An einer Brücke verlasse ich die Dalke und schon bald danach überquere ich die Ems. Sie ist hier nur ein kleiner Bach, kaum zu glauben, dass es sich um den Fluss Ems handelt, an dem ich bald für längere Zeit entlang laufen werde.

Meine Route führt mich entlang auf Radwegen und Wirtschaftswegen, um mich rum meistens Weiden und häufig auch Pferdekoppeln. Ich habe den Eindruck, fast jeder Bauer hat hier ein paar Pferde. An einer Schulbushaltestelle mache ich eine Pause auf einer Holzpalette. Von mir etwa 300 Meter entfernt ein Bauernhof. Ich telefoniere mit meiner Frau, als sich von diesem Bauernhof mir ein Auto nähert. Es hält neben mir an und die Bäuerin fragt mich, ob alles in Ordnung ist. Als ich ihr dies bestätige, dreht sie ein Stück weiter an einer kleinen Kreuzung um und fährt zurück zum Bauernhof.

Immer wieder wandere ich auf den schnurgeraden und endlosen Wirtschaftswegen. Sie werden nur unterbrochen durch einige Bögen. An einer Tankstelle lege ich einen Stopp ein. Endlich kann ich der Kälte entfliehen und einen warmen Kaffee trinken. Jetzt sind es nur noch etwa 1 ½ Stunden bis nach Beelen, meinem heutigen Etappenziel.

Als ich die Tankstelle verlasse, fängt es an zu regnen. Die Rucksackschutzfolie und meine Softshelljacke reichen für dieses Regenintemezzo aus. An einem Bauernhof mache ich meine nächste Pause und nun beginnt die heutige Unterkunftssuche. Ich gehe die kleine Liste der Unterkünfte von Beelen durch. Übrig bleiben zwei Hotels im Ort. Ich werde am Ort entscheiden, welches ich als Erstes ansteuern werde.

Am Ortseingang von Beelen rufe ich eines der beiden Hotels an und habe einen unfreundlichen Mann an der Leitung, der mir erklärt, dass es schon lange kein Hotel mehr ist. Beim nächsten Hotel klappt es dann und das Hotel ist auch schnell erreicht. 

28. Etappe: 28. April 2013

Stukenbrock – Gütersloh  23,6 km

Meine heutige Etappe empfängt mich mit blauem Himmel und wenigen Wolken. Nur kalt ist es noch, bei einer Apotheke werden 5 Grad angezeigt. Entlang der Straße geht es durch Stukenbrock, dem Gewerbegebiet und dann durch den zweiten Ortsteil Schloss Holte. Es folgen noch weitere Orte bevor ich auf asphaltierten Rad- und Wirtschaftswegen unterwegs bin.

Die endlos langen Geraden haben mich wieder. Es ist zermürbend, wenn ich den überholenden Radfahrern nachschaue, wie sie sich zu Punkten vor mir mit der Straße verschmelzen. Glücklicherweise erwacht gerade die Natur. Ich genieße die Grüntöne der Weiden, Büsche und Bäume. Zwischen drin weiß und gelb blühende Büsche und auf den Weiden Löwenzahn und Gänseblümchen. Es lenkt etwas vom monotonen Geradeausgehen ab.

Der Lärm der nahenden Autobahn A2 ist schon aus der Ferne unüberhörbar. Zunächst sehe ich sie nicht, dann aber ist sie vor mir, ich unterquere sie und bleibe leider längere Zeit in ihrer Nähe. Der Lärm in Autobahnnähe ist unerträglich. Wieder lenken mich wenigstens die Natur und Pferdekoppeln mit Senner Pferden ein bisschen ab. Diese Pferderasse wird in dieser Gegend gezüchtet. Es sind leichte, mittelgroße Pferde und wirken auf mich elegant und temperamentvoll. Bei ihrer Zucht wurden im 17. Jahrhundert arabische Vollblüter eingekreuzt.

Kaum entferne ich mich vom Lärm, laufe ich schon wieder auf schnurgeraden Wegen. Es geht an Bauernhöfe, Weiden und Pferdehöfen vorbei und dann habe ich den Randbezirk von Gütersloh erreicht. Doch bis zum Zentrum muss ich noch fünf Kilometer durch die Stadt laufen. Nach zwei Fehlversuchen finde ich ein kleines Hotel.

27. Etappe: 27. April 2013

Pivitsheide – Stukenbrock  21,8 km

Mein heutiger Weg führt mich zunächst zum ehemaligen Kinderheim der Stadt Dortmund. Heute ist es ein Blindenheim des Lippischer Blindenverein e.V. Mit etwa 8 oder 9 Jahren wurde ich dorthin geschickt. Ich war zu dünn und sollte zunehmen. Die damalige Kur war zumindest im Alter erfolgreich. Der Aufenthalt in Pivitsheide war nach Cuxhaven mein zweiter Aufenthalt in einem Kinderheim. Mit Pivitsheide verbinde ich schöne Erinnerungen.

Die Erinnerungen an das Gebäude sind nur lückenhaft. Geblieben ist, dass es ein großes Gebäude war. Wir konnten in unmittelbarer Nähe an einem Bach spielen. Dort haben wir Dämme gebaut und Kaulquappen gefangen. Auch in Erinnerung geblieben sind mehrere Teiche und einen See in der Nähe des Kinderheims.

Wir bekamen täglich aus einem Buch Geschichten vorgelesen. Darin kamen ein Waisenjunge Branko und ein Mädchen mit roten Haaren vor. Erst in meiner Studienzeit erfuhr ich, dass es sich um das Buch „Die rote Zora“ handelte. Ich habe es mir dann gekauft und gelesen.

Bei meinen Recherchen stoße ich auf einen Internetanbieter, der alte Postkarten des Heims anbietet. Alle Postkarten sind als Bild abgebildet. Damit hatte ich das Aussehen des Gebäudes und auch die Gebäudeform für den späteren Vergleich in Google Earth. Als Nächstes versuchte ich über zwei Heimatvereine Informationen über das Kinderheim zu bekommen. Die ersten Personen, die ich anrief, lebten nicht lang genug in Pivitsheide und konnte mir nicht helfen. Einer jedoch konnte mir ein Mitglied benennen, das gebürtig von Pivitsheide war. Über ihn erfuhr ich, dass es seid langer Zeit ein Blindenheim ist, und erhielt auch die Adresse. Über Google Earth und mit den Gebäudepostkarten des Internets war ich dann erfolgreich.

 Am Gebäude angekommen musste ich erst mal den Eingang suchen. Er ist verschlossen und ich klingel bei der Heimleitung. Nichts tut sich, ich klingel mehrfach, dann öffnet sich die Tür und zwei Frauen kommen heraus. Es ist eine private Führerin und eine Blinde. Ich spreche sie an und erfahre nun, dass es Samstag ist und die Heimleitung daher nicht anwesend. Sie lassen mich aber eintreten. Ich gehe in die erste Etage und höre, dass die Betreuer beschäftigt sind. Weiter in der zweiten Etage kann ich einen Betreuer ansprechen. Im Gebäude darf ich nicht bleiben, aber draußen kann ich mich gerne umschauen. Ich verlasse das Gebäude und treffe auf eine weitere Betreuerin und sie zeigt mir den Bach und die Richtung des Sees. Auf einer Bank in der Nähe des Bachs verweile ich einige Zeit. Wieder kommen die Erinnerungen an diese Zeit in mir hoch. Ich war mit Manfred, einem ehemaligen Klassenkamerad hier. Er ist schon vor vielen Jahren verstorben. Ein Gruppenfoto vor dem Hermannsdenkmal habe ich noch.

Ich mache noch ein paar Fotos und starte zu meiner heutigen Etappe. Lange Zeit laufe ich auf einem Radweg neben der Straße entlang und verlasse Pivitsheide um es nach kurzer Zeit wieder mit einem Ortseingangsschild zu betreten. Dann verlasse ich Pivitsheide endgültig und komme nur noch an einzelnen Bauerhöfen und Gebäuden vorbei. Dicke Regenwolken begleiten mich inzwischen und ich ziehe zur Sicherheit den Poncho schon mal über den Rucksack. Ein letztes Mal komme ich an einen kleinen Ort vorbei, dann aber tauche ich in den Teutoburger Wald ein und bin auf dem Hermannsweg. Bei einer kleinen Pause laufen vier Wanderer an mir vorbei.

Ich komme an einem Hinweisschild vorbei, es weist das Hermannsdenkmal mit 7 km Entfernung aus. Leider zu weit und in falscher Richtung. Dann überhole ich die Gruppe wieder, die selbst eine kurze Pause eingelegt hat. Meine Route weicht vom Hermannsweg ab und ich folge brav meinem Navi. Nach einiger Zeit ist der Weg kaum noch zu erkennen und immer mehr stapfe ich abseits eines Weges durch den Wald. Auf dem Navi ist in der Nähe ein anderer Weg erkennbar und ich orientiere mich in diese Richtung. Bei Erreichen dieses Weges bin ich wieder auf dem Hermannsweg und weit vor mir laufen die vier Wanderer.

An einer Lichtung gibt es einen Gasthof und ich kehre dort ein. Meine vier Wanderer sitzen bereits dort. Auch eine Gruppe Radfahrer ist anwesend. Wanderer und Radfahrer verlassen vor mir den Gasthof. Einige Zeit später breche ich dann auch auf und schon bald erreiche erreiche ich die Gruppe wieder. Wir gehen einige Zeit zusammen. Mein Navi zeigt mir meinen Weg links ab, doch dieser Weg war früher mal ein Weg. Jetzt ist er zugewachsen und ich bleibe weiter bei der Wandergruppe. Ich verfolge den Weg auf dem Navi und erkenne, dass ich mich immer mehr von meiner Route und meinem heutigen Etappenziel Verl entferne.

Bei einer Gabelung kann ich mich wieder meiner Route nähern, der Weg verzweigt nach Karte später wieder auf einen Weg, der dann wieder zu meiner Route führt. Nur ob diese Wege meiner topografischen Karte auch noch existieren, werde ich erst später feststellen. Ich habe Glück, die eingezeichneten Wege führen mich wieder auf meine Route. Inzwischen bin ich zu der Überzeugung gekommen, nicht mehr bis Verl zu laufen, sondern Stukenbrock anzusteuern. Jetzt muss ich nur noch den Weg dorthin, abseits meiner Route, finden. Wieder habe ich Glück, ich hole eine Nordic Walkerin ein und sie spricht mich an. Als ich ihr von meinem Etappenziel Stukenbrock erzähle, ändert sie ihre Route und führt mich spontan ein langes Wegestück in Richtung meines heutigen Ziels. Erst als es nur noch geradeaus nach Stukenbrock geht, verabschiedet sie sich von mir. Ich bin ihr sehr dankbar für diese Führung.

In einer Schutzhütte beginne ich mit der Unterkunftssuche. Es ist schwierig, ein Bett zu finden. Morgen findet hier der Hermannlauf statt und außerdem gibt es noch eine Veranstaltung auf dem Segelflughafen. Alle Pensionen sind voll. Im Zelt möchte ich heute Nacht nicht schlafen, es sind hier Temperaturen von -1 Grad bis 1 Grad angekündigt.

Ich laufe weiter in Richtung Ort und versuche es dann nochmals mit Hotels. Gleich beim ersten Anruf bin ich erfolgreich. Als ich mein Smartphone-Navi einschalte, erkenne ich, dass es noch sehr weit bis zum Hotel ist. Bei meinem erneuten Anruf erfahre ich, dass es noch etwa sieben Kilometer dorthin sind. Der Ort ist zweigeteilt in Schloss Holte und Stukenbrock. Ich storniere das Zimmer und laufe weiter zur Ortsmitte. Im Zentrum stoße ich dann auf ein Hotel und komme dort unter.

Anmerkungen zu Kommentaren

Ich freue mich über alle abgegebenen Kommentar. Hier ein Dankeschön, auch für die noch hoffentlich folgenden Kommentare. Bitte habt / haben Sie Verständnis, das ich nicht antworte. Mein Tag ist geprägt von der Wanderschaft und abends habe ich einiges vorzubereiten, manchmal auch etwas für zu Hause zu erledigen, Bilder zu bearbeiten, GPS-Daten umzuwandeln und meinen Bericht zu schreiben. Hinzu kommt, dass ich manchmal auch ziemlich platt bin und das Bedürfnis habe einfach nur zu schlafen.

Nochmals herzlichen Dank und ich freue mich weiterhin auf Kommentare von Euch / von Ihnen.

26. Etappe: 26. April 2013

Dortmund – Pivitsheide

Heute Morgen hat sich Wolfgang richtig ins Zeug geschmissen und ein tolles Frühstück vorbereitet. Zusammen mit Frank und der Mutter von Wolfgang und Frank frühstücken wir zum Abschied gemeinsam. Kurz bevor ich starte, kommt auch noch kurz Ulla, die Schwester der beiden, vorbei. Ein schöner Ausklang meines Aufenthaltes bei Wolfgang.

Bevor es jedoch losgeht, musste ich noch eine Fotosession über mich ergehen lassen. In unserer Kindheit gab es eine Abkürzung zwischen den Häusern von Meinen und Wolfgangs Eltern. Es war ein verbotener Weg über ein Weidegrundstück. Ich muss in voller Montur aus den Büschen von diesem Grundstück kommen und Wolfgang fotografiert mich.

Dann endlich starteten wir. Wolfgang bringt mich bis zu meiner ehemaligen Lehrstelle, dem damaligen Institut für Spektrochemie und angewandte Spektroskopie. Heute heißt das Institut Leibniz ‐ Institut für Analytische Wissenschaften – ISAS – e.V. Ich gehe spontan dorthin und will versuchen vielleicht einen Blick in die dortige Werkstatt werfen zu dürfen. Kaum betrete ich den Eingang des Instituts, kommt mir ein Herr aus der Anmeldung entgegen. Ich erzähle ihm von meinem Projekt „Zu Fuß zu Stationen meines Lebens“, meiner Lehrzeit in diesem Institut und bitte um ein Gespräch mit dem Werkstattmeister. Er geht zurück und telefoniert kurz. Einen Augenblick später erscheint auch der Meister. Auch ihm erzähle ich von meinem Projekt und bitte ihn, einmal die Werkstatt sehen zu dürfen. Wir gehen zusammen dorthin. Es stehen viel mehr Maschinen als früher dort. Doch eine Bandsäge springt mir direkt ins Auge. Sie steht immer noch an der gleichen Stelle wie früher. Es ist auch noch die alte Maschine, ein Typenschild enthält auch das Baujahr 1961 und meine Lehrzeit begann 1963.

Meine Erinnerungen an diese Maschine sind geprägt von einem Erlebnis. Damals stand ein älterer Lehrjunge an der Maschine und sägte etwas. Ich stand unmittelbar daneben. Warum auch immer, plötzlich sägte er sich in den Finger. Er schaute kurz auf den Finger und dann kippte er um. Wir konnten ihn noch vor dem Fall auf den Boden, auffangen.

 Auch die Drehmaschinen stehen noch fast an der gleichen Stelle. Herr L. zeigt mir an einer Pinnwand alte Fotos. Zwei Personen erkenne ich wieder. Alle sind aber bereits in Rente und inzwischen arbeiten nur noch drei Personen dort. Ich habe mich sehr gefreut über die spontane Bereitschaft von Herr L., mir die Werkstatt zu zeigen und sich auch noch Zeit für mich genommen zu haben.

Vom Institut aus geht es zurück zur Ardeystraße mit Blick auf das Stadion der Borussia und etwas später auf die Westfalenhalle. Weiter laufe ich an der Hohe Straße entlang in Richtung Innenstadt und Hauptbahnhof. Als ich den Südwall erreiche und links das Opernhaus sehe, kommt mir die Idee nochmals bei Antje anzurufen. Bisher konnte ich sie nicht erreichen. Sie geht tatsächlich ans Telefon und ist total überrascht von meinem Anruf. Dann erzählt sie mir, dass sie mit Ihrem Lebensgefährten erst nachts von einer Ägyptenreise zurückgekommen ist. Beim Frühstück schlägt sie die Zeitung auf und blickt völlig überrascht auf ein Bild von mir mit einem Artikel über mich. Spontan vereinbaren wir ein Treffen am Hauptbahnhof.

Die Freude ist groß über das plötzliche Wiedersehen. Wir haben uns auch an die dreißig Jahre nicht mehr gesehen. Es gibt reichlich Gesprächsstoff von früher, von Ägypten und von meiner Wanderschaft. Es ist ein überraschender und schöner Nachmittag und damit ein guter Ausklang meines Pausentages in Dortmund.

Nach der Verabschiedung kaufe ich mir das Zugticket nach Detmold, denn Pivitsheide mein heutiges Etappenziel, ist inzwischen ein Stadtteil von Detmold. Der ICE nach Ostberlin mit Halt in Bielefeld ist voll. Ich finde im Gang auf dem Boden, mit Rücken gegen meinen Rucksack und der liegt an einigen Koffern an, ein noch recht bequemes Plätzchen. Manchmal wird es eng, vor allem als der Getränkewagen vorbei will.

Ich habe wie immer Glück mit der Bahn, im Zug wird eine deutliche Verspätung bis Bielefeld durchgesagt. Mein Anschlusszug ist damit weg. In Bielefeld heißt es erst mal wieder Warten im Reisezentrum. Dann habe ich meinen Anschlusszug mit fünfzig Minuten Wartezeit. Gut, das ich gestern bereits ein Hotelzimmer gebucht hatte.

In Detmold angekommen, rufe ich mein Hotel an und lasse mir die Busnummer und die Haltestelle durchgeben. Jetzt noch bei Regen etwa sieben Kilometer zu laufen, dazu fehlt mir die Lust. Ich habe Glück und muss im Regen an der Bushaltestelle nur fünf Minuten warten. An der Zielhaltestelle schüttet es bereits heftig und ich stelle mich kurz zur Orientierung meines Weges unter. Dann geht es mit schnellem Schritt zum Hotel.

Meine morgige Etappe muss ich umplanen, das heißt deutlich verkürzen. Mein heutiges Ziel war das ehemalige Kinderheim der Stadt Dortmund und dieses möchte ich morgen unbedingt besuchen. Viele Erinnerungen daran habe ich und auch die Suche nach diesem Heim war spannend gewesen. Mehr davon in meinem morgigen Bericht.

Pausentag: 25. April 2013

Dortmund-Kirchhörde

Der Pausentag bei Wolfgang in Dortmund-Kirchörde tut mir zur Regeneration gut. Eigentlich wollte ich heute noch zwei Personen treffen, die ich auch über dreißig Jahre nicht gesehen habe. Leider kommen diese Treffen nicht zustande. Jürgen, ein Jugendfreund, ist unterwegs auf Tagungen und die andere Person nicht erreichbar, wahrscheinlich in Urlaub.

Am Vormittag kommt ein Journalist der Ruhrnachrichten und ich habe ein Interview mit ihm. Der Artikel wird morgen erscheinen. Online ist der Artikel bereits heute eingestellt.

Bei Inge und Manfred bin ich am Nachmittag zu Kaffee und Kuchen. Wir werden uns wahrscheinlich in Ostfriesland, im Ferienhaus der beiden, nochmals treffen. Es liegt etwa sieben Kilometer von Bensersiel entfernt. Da ich unbedingt auf die Insel Langeoog möchte, hier hatte ich mehrere Monate gearbeitet, ist meine Übernachtungsmöglichkeit bei Inge und Manfred ideal.

Jetzt am Abend schreibe ich noch den Artikel meiner sechsten Etappe fertig. Ich hatte ihn total vergessen. Dann werde ich noch Übernachtungsmöglichkeiten in Pivitsheide, mein morgiges Ziel, suchen. Hinzu kommen noch Abfahrtszeiten mit der Bahn und Überprüfung der morgigen Route von Detmold nach Pivitsheide.

25. Etappe: 24. April 2013

Witten – Dortmund  26,9 km

Gegen 24:00 Uhr werde ich wach und meine Zähne klappern. Glücklicherweise hatte ich bereits das Seideninlett bereitgelegt. Nach einigem Gewurschtel im engen Zelt bin ich im Inlett und dieses ist mit mir im Schlafsack. Ich ziehe den Reisverschluss komplett zu und den Schnurzug am Kopfteil an. Jetzt gucken nur noch Augen und Nase aus einem Schlitz des Schlafsacks. Noch dort spüre ich den kalten Windzug. Irgendwie schlafe ich wieder ein. Um 6:00 Uhr holt mich dann unwiderruflich mein Smartphone aus dem Schlaf. Raus aus dem warmen Schlafsack und der Merinowolleunterkleidung und rein in die kalten Klamotten. Danach fast alles wieder im Rucksack verstauen. Viel Bewegungsfreiheit habe ich im Zelt nicht. Was ist, wenn es draußen regnet? Besser nicht daran denken. Die Aktionen sind noch gewöhnungsbedürftig und müssen wohl noch öfter geübt werden.

Da ein dringendes Bedürfnis ansteht, packe ich alle wichtigen Sachen und Waschzeug in meinen Minirucksack und laufe zur Leichenhalle. Dort gibt es, wie mir am Abend zuvor der Mann der Gärtnerei erklärt hatte, geöffnete Toiletten und Waschmöglichkeiten.

In der Nähe meines Zeltes steht eine Bank. Hier kann ich meinen Rucksack abstellen. Jedoch zuvor muss ich erst mal der Raureif von der Bank entfernen. Wieder kommen mir die Gedanken mit dem Regen und was ist, wenn keine Bank in der Nähe ist. Ich verdränge schnell wieder diese Gedanken.

Nachdem ich meinen Rucksack abgestellt habe, beginnt der Abbau des Zeltes. Dieses geht leichter und schneller als der Aufbau am Abend zuvor. Das Außenzelt ist feucht und ich bin froh einen wasserdichten Beutel dafür zu haben. Die Zeltunterlagenfolie lege ich über die Bank und plane für heute meine Route neu.

Dann geht es um 7:30 Uhr los, eine ungewohnte Zeit. Doch schon nach wenigen Minuten erreiche ich eine geöffnete Bäckerei und genieße im Warmen meinen Kaffee und zwei Croissant. Nach dem ausgiebigen Frühstück starte ich gestärkt und inzwischen warm meine heutige Etappe.

Mein Weg führt mich durch den Vorort Heven in die Innenstadt von Witten. Als Wanderer mit schwerem Rucksack dauert es lange, bis ich den Randbezirk von Witten erreiche. Hier sehe ich ein italienisches Restaurant mit Gartentischen und das Personal davor. Ich frage, ob ich einen Kaffee haben kann. Die Bedienung erklärt mir, dass das Restaurant erst um 12:00 Uhr geöffnet hat, ich aber mich setzten kann und meinen Kaffee bekomme. Später möchte die Bedienung mehr von meiner Wanderschaft wissen. Als ich dann zahlen will, erklärt er mir: „Das geht aufs Haus“.

Inzwischen geht es kontinuierlich bergauf. Mal laufe ich auf einem Rad- und Fußweg, mal am Straßenrand und auch einige Zeit im Wald. Ich erreiche „Auf dem Schnee“, ein Ortsteil von Witten-Rüdingshausen und dann den Randbezirk von Herdecke. Alte Erinnerungen werden wieder wach. Nun geht es endlich bergab, aber auf der Straße ohne Randstreifen. In der Senke sehe ich ein Hinweisschild von Dortmund-Kirchörde, meinem heutigen Etappenziel. Einen Moment komme ich ins Wanken, ob ich hier jetzt weiterlaufen soll. Dann bin ich bald in Dortmund-Schanze, es kommt danach nur noch Dortmund-Bittermark und schon bin ich am Ziel. Ich überwinde mein Schwanken und kehre für eine ausgiebige Pause in die hier an der Straßenkreuzung liegenden Tankstelle ein.

Weiter geht es, aber in entgegengesetzter Richtung von Kirchhörde. Nach einigen Hundert Meter biege ich links auf eine große Straße ab. Gut, das es hier einen breiten Randstreifen gibt. Die Fahrzeuge kommen mir ständig mit erheblicher Geschwindigkeit entgegen. Nach etwas mehr als einen Kilometer kann ich endlich diese viel befahrene Bundesstraße verlassen. Der nun zu bewältigende schmale Weg ist ziemlich steil. Über diesen Berg muss ich auf jedem Fall, um auf der anderen Seite zum Hengsteysee zu gelangen. Unterwegs biege ich in einen Waldweg ab und hier sollte es einen direkten Pfad runter zum See geben. Doch wieder stimmt meine topografische Karte nicht. Ich laufe den Waldweg entlang, bis ich wieder in Blicknähe die Bundesstraße sehe. Nach meinem Navi gibt es hier einen Weg runter zum See und diesmal stimmt es.

Mein Weg am See ist nicht sehr lang. In der Nähe der Brücke, von hier geht es hoch zur Hohensyburg, mache ich eine Pause. Mein heutiges Zwischenziel Hohensyburg, war in meiner Schulzeit mehrfach Klassenausflugsziel. Hier sind wir als Schulkinder von Kirchhörde hingelaufen. Ich rufe meinen Schul- und Jugendfreund Wolfgang an. Er kommt mit seiner selbst restaurierten Kreidler zur Brücke gefahren. Dort erklärt er mir den Weg zu einem Ausflugslokal, wo er für eine gemeinsame Pause auf mich warten wird. Dann beginnt nochmals eine kurze Bergetappe. Etwas geschafft und verschwitzt komme ich am Treffpunkt an und habe gleich mein gekühltes Mineralwasser. Wir vereinbaren einen weiteren Treffpunkt beim Waldhotel Hülsenhain am Stadtrand von Dortmund. Hier finden seit einigen Jahren unsere Klassentreffen statt. Dort wird er warten und mich dann mit dem Auto nach Kirchhörde bringen.

Angekommen hänge ich zuerst mein Zelt und die Unterlage zum Trocknen auf. Wolfgang schmeißt zur Feier des Tages den Grill an. Bei Wurst und Bier mit Frank und Wolfgang lasse ich den Tag ausklingen. Für das Anschauen des Champions League-Spiel BVB gegen Real Madrid bin ich leider viel zu müde.

24. Etappe: 23. April 2013

Essen – Witten  28,5 km

Ich bin schon früh wach und schreiben den Bericht von der 21. Etappe und erstelle meine heutige Etappe neu. Jan hatte mir Tipps für den Weg gegeben. Nach einem ausgiebigen Frühstück starte ich mit einem Negativrekord. Mein heutiger Beginn ist 10:30 Uhr.

Der von Jan empfohlene Radweg – eine alte Bahntrasse – beginnt nicht weit seiner Wohnung. Obwohl im Stadtgebiet von Essen, befinde ich mich schnell in einem Waldgebiet. Vorbei geht es an Schrebergärten und dann erreiche ich auch schon die Ruhr. Zunächst bin ich irritiert, da der Fluss eher einem Bach gleicht. Doch schon bald wird sie deutlich breiter. Ich überquere zwei Stahlbrücken und bleibe für lange Zeit in Sichtnähe der Ruhr. Der Weg schlängelt sich im großen Bogen mit der Ruhr. Doch bevor der nächste Bogen beginnt, verlasse ich die Ruhr und laufe durch Essener Stadtgebiet. In einem mehr und mehr ländlichen Bereich endet dann Essen und ich befinde mich bereits in Bochum. Dass ich im Ruhrpott bin, ist hier nicht erkennbar, es könnte genau so gut auf dem Land sein. Um mich rum, Ackerflächen, Weiden und Pferdekoppeln.

Dann erreiche ich wieder Stadtgebiet und bleibe für längere Zeit in Bochum. Wieder mehr im Außenbezirk von Bochum, beginne ich eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Jan unterstützt mich. Weder Jan noch ich sind jedoch erfolgreich. Am Kemnader See beginne ich nach einem geeigneten Platz für mein Zelt zu suchen. Doch viel zu viel Menschen. Ich laufe weiter und erreiche Witten. Wieder suche ich nach einem Platz und komme in die Nähe des Hevener Friedhofs. Bei einer Schrebergartenkolonie suche ich nach einem Ansprechpartner, doch niemand ist zu finden. Dann sehe ich eine Gärtnerei und einen großen durch eine dichte Hecke geschützten Garten. Ich gehe auf das Gelände und suche wieder einen Ansprechpartner. In diesem Moment kommt ein Fahrzeug auf den Hof gefahren. Ich spreche den aussteigenden Mann an. Ich erkläre ihm, dass ich bereits über 8 Stunden auf Wanderschaft bin und gerne im Garten mein Zelt aufstellen möchte. Er reagiert glücklicherweise nicht ablehnend, nur müsse er nachfragen. Kurze Zeit später kommt er zurück und gibt mir die Erlaubnis. Möchte aber zur Sicherheit, die Daten meines Personalausweises abschreiben. Ich gebe ihm gerne meinen Personalausweis und eine Karte mit meiner Weblog-Adresse.

Versteckt im hinteren Teil des Gartens beginne ich mit dem Zeltaufbau. Es ist das erste Mal, dass ich dieses Zelt aufbaue. Eigentlich nicht schwer, mit etwas Übung wird es sicherlich später schnell klappen, jetzt jedoch dauert es. Dann kommt der Mann nochmals und bringt mir eine Flasche Mineralwasser und wir unterhalten uns noch einige Zeit.

Ich lege meinen Rucksack ins Zelt und beginne in der Enge auszupacken. Beim Aufblasen der Luftmatratze muss ich mich ziemlich anstrengen. Die elektrische Pumpe hatte ich aus Gewichtsgründen eingespart. Als ich sie ausbreite, wird es noch deutlich enger. Dann raus aus meinen Klamotten und diese zum Trocknen ausbreiten, so gut es eben geht.

Die Planung meiner morgigen Route scheitert. Kaum war sie fertig, habe ich sie aus Versehen gelöscht. Morgen ist auch noch ein Tag! Ich steige in meinen Schlafsack, mache ihn aber nicht komplett zu. Dann holt mich der Schlaf ein, meine heutige Etappe war lang gewesen. 

22. Etappe: 21. April 2013

Neuss – Duisburg  24,7 km

Nach einem üppigen Frühstück startete ich wie immer recht spät. Ich übernachte nun schon im zweiten Commundo Tagungshotel (Neuss und Bad Honnef) und dort gibt es nach meiner derzeitigen Erfahrung das beste Frühstück mit der reichhaltigsten Auswahl.

Der Weg durch Neuss zieht sich. Vorbei komme ich an einem massigen Stadttor, dem Obertor und im Stadtpark treffe ich auf einen Schweizer Radfahrer. Er kommt von Amsterdam und ist auf dem Weg zurück in die Schweiz. Wir unterhalten uns ein wenig. Für mich ist es wie ein gutes Omen. Auch bei meinen beiden großen Pilgerreisen traf ich zuerst Schweizer.

Erst nach über 1 ½ Stunden komme ich raus aus Neuss und erreiche ich einen Feldweg. Dieser führt mich mit einer kleinen Brücke über die A52 – heute bereits die zweite Autobahn – in Richtung Meerbusch. Vorbei geht es an einer Wasserburganlage, dem Gut Dyckhof.

Nach Meerbusch hat mich die Natur wieder, es geht längere Zeit auf Wirtschaftswegen und an einem Pferdegestüt vorbei. Wieder schnurgerade endlose Wege. Dann meine dritte Autobahn, mein Navi zeigt mir die Überquerung der Autobahn, nur sehen tue ich zunächst nichts. Die A44 wird unterirdisch geführt, ich laufe über einen Hügel und sehe für einen kurzen Moment die Unterführung.

Dann nähere ich mich dem Rhein und meine Fährenanlegestelle ist nur noch 3 Kilometer entfernt. Als ich auf einer Bank eine kurze Pause einlege, fahren ein roter und gelber Kabriolett an mir vorbei. Einige Zeit später kommen mir beide Fahrzeuge wieder entgegen. Zweifel werden bei mir laut, fährt die Fähre überhaupt? Ich habe mich vorher nicht informiert, einfach meine heutige Route geplant und der topografischen Karte geglaubt. Dann kommen mir Radfahrer entgegen, ich halte sie an und frage nach dem Fährbetrieb. Zu meiner Erleichterung höre ich, dass die Fähre fährt.

Nach etwa zwei Kilometer erreiche ich die Anlegestelle. Die Fähre ist gerade angekommen und ich kann sofort drauf und einen Moment später fährt sie los. Wir legen auch schon nach kurzer Zeit in Kaiserswerth wieder an. Vorbei geht es an gut gefüllten Biergärten und auch der Ort, ein Stadtteil von Düsseldorf, ist voller Menschenmassen. Für mich ziemlich gewöhnungsbedürftig nach drei Wochen Ruhe.

Heute habe ich mich mit Herbert, ein ehemaliger Kollege, verabredet. Er fährt Dienstag in Urlaub und trotzdem nimmt er sich Zeit, mich zu treffen. Noch in Kaiserwerth telefoniere ich kurz mit ihm und verabrede mit ihm, dass ich noch bis zum Stadtrand von Duisburg laufe.

Wieder dauert es eine Ewigkeit, bis ich den Ort verlasse und der B8 folge. Mir kommen Zweifel, ob es nicht besser ist, Herbert anzurufen und mich jetzt schon abholen zu lassen. Ich tue es und vereinbare einen Treffpunkt. Seine Anfahrt dauert etwa 30 Minuten und er bringt mich zum Hotel. In der Nähe setzen wir uns in ein Restaurant und reden über unsere gemeinsame berufliche Zeit, über seinen mutigen Schritt aus dem öffentlichen Dienst auszuscheiden und über meine Wanderung. Es ist ein schöner Abend und ich bin froh, dass wir uns getroffen haben.